Erinnerungen

Giorgio de Chiricos frühe Manuskripte sind voller Kraft

Ein junger Mann mit fliehendem Kinn und skrupellosem Dackelblick, 23 Jahre ist er alt, kommt mit Mutter und Bruder nach Paris.

Ungeduldig und dünnhäutig ist er, ein nur halb gelungenes Kunststudium in München hat er hinter sich und Anfälle trüber Laune in Florenz, wo er Nietzsche gelesen hat und Schopenhauer, wie jeder halbwegs Gebildete seiner Zeit. Aufgrund der Lektüre - und umgeben von monumentaler Architektur - hat er in Florenz ein seltsames Bild gemalt und ihm einen seltsamen Titel verpasst: "Rätsel eines Herbstnachmittags". Es wird als erstes Gemälde der von ihm begründeten Pittura Metafisica, der Metaphysischen Malerei, in die Kunstgeschichte eingehen. Noch aber ist der junge Giorgio de Chirico unbekannt, und in Paris will er das ändern.

Und zwar schnell: indem er für die Malerei das wird, was Nietzsche für die Philosophie ist, mindestens. Was der in Griechenland geborene Sohn italienischer Eltern in seinen ersten Pariser Jahren 1911 bis 1914 da so aufgeschrieben hat, war dem deutschsprachigen Publikum bisher unbekannt. Bei den beiden Freunden Paul Éluard und Jean Paulhan hat de Chirico, der 1976 in Rom starb, seine frühen Manuskripte hinterlassen. Erstmals ins Deutsche übersetzt wurden sie jetzt von Marianne Schneider.

Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen. Schirmer-Mosel. 384 Seiten, 39,80 Euro.