Familiengeschichte

Geburtstagsfeier der Lügner

Vielleicht dauert es wirklich nicht mehr lange und im Berliner Naturkundemuseum wird eine ganz neue Sektion eröffnet. Mit hübschen Dioramen, in denen Bilder aus dem Leben von ganz besonderen Dinosauriern nachgestellt werden.

Dinosauriern, die noch gar nicht lange tot sind, die vielleicht sogar noch mitten unter uns leben. Dinosauriern der DDR-Geschichte. Wir im Westen Sozialisierten kennen sie vor allem aus Büchern, aus Romanen, in denen sie prima konserviert sind samt ihrer Lebensart, ihres Denkens, ihrer Sprache. Vornehmlich sind es bürgerliche Dinosaurier, die wir in den Dioramen betrachten dürfen, die, soweit es ging im Arbeiter- und Bauernstaat, in bürgerlichen Häusern bürgerliche Existenzen führten, ziemlich weit weg von Arbeitern und Bauern. Die Lebenslügen sehen wir, das Scheitern, die Trauer, das ganze Elend verfehlter, verfaulter Ideale, das Pervertieren einer Utopie über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg, das Hineinragen, Hineinregieren der Politik ins Private, das Deformiertwerden des Privaten durch Politik. Alles gespiegelt in Szenen, die schrecklich lustig sind und schrecklich traurig. "Der Turm" von Uwe Tellkamp ist eines der zentralen Herbarien für getrocknete DDR-Bürgergeschichten. Der 57-jährige Mathematiker, Dramatiker und Erzähler Eugen Ruge hat Tellkamps Trumm nun mit seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" einen Nebenturm zur Seite gestellt. Und er liefert mit dem späten Debüt, für das er den Döblin-Preis bekam und mit dem er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, neue, spektakulär anders erzählte Szenen fürs DDR-Dinosauriermuseum.

Blick auf eine politische Kaste

Wieder eine Familiengeschichte, über vier Generationen und über ein gutes halbes Jahrhundert gespannt vom Beginn der Fünfziger bis ins Jahr 2001. Wieder kommt eine Familie zur Feier zusammen, wieder spielt ein Haus, eine politische Kaste eine zentrale Rolle, wieder ist alles höchst symbolisch aufgeladen, fein verästelt. Das Haus ist ein Volkskörper, herrschaftlich, eine Villa, aber bis zur vollkommenen Unbewohnbarkeit umgebaut, kaputtrenoviert wie die sozialistische Idee, die der legendäre Hausherr Wilhelm noch bis aufs Blut verteidigt, als er an seinem 90. Geburtstag am Vorabend des Mauerfalls behängt mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold erst ins geistige Nirwana, dann in den Tod gleitet, nicht ohne noch "Die Partei, die Partei, die hat immer recht" gesungen zu haben.

Man kann, wenn man will, "In Zeiten des abnehmenden Lichts" auch als Roman übers Verdämmern des Stalinismus lesen. Von Wilhelm, dem Erzstalinisten, der sich sein ganzes Leben zusammengelogen hat und bis zum Schluss an den Quatsch glaubt, für den Millionen Menschen ihr Leben ließen. Wilhelms Stiefsohn Kurt, der Historiker, dem wir begegnen, als er gerade sein Gedächtnis, sein Sprachvermögen verliert, lebt ein sanft dissidentisches Leben, schreibt Buch über Buch über die Geschichte des Sozialismus, einen Meter Wissen, breiter als Lenin im Regal. Die Wahrheit schreibt er erst, als die Mauer weg ist, die Wahrheit über seine Zeit im stalinistischen Lager. Alexander, das Alter ego Eugen Ruges, schleudert immer weiter weg aus der Familie, entzieht sich dem sozialistischen Lasten- und Pflichtenheft seines Vaters, wagt den Widerstand, entzieht sich den Lügen, will die Wahrheit leben, weiß aber nicht ganz genau, was das im Fall seiner Familie überhaupt ist. Ein Volkskörper auch er, seine Immunabwehr radikalisiert sich gegen ihn selbst, er hat nicht mehr lange zu leben und macht sich auf nach Mexiko, die Familiengeschichte zu runden. Markus, sein Sohn, zwölf als die Mauer fällt, kommt zum Neunzigsten seines Urgroßvaters am 1. Oktober 1989 und sieht eine Saurier-Party von Leuten, die nicht wissen, dass sie und ihr ganzer mühsam auf Lügen aufgebauter Geschichten- und Geschichtsturm keine zwei Monate später schiere Makulatur sind. Mitten drin "die ineinandergeschobene Knochengestalt mit ihren bis zu den Ohren aufragenden Knien, den über die Seitenlehnen hängenden Flügelarmen und der riesigen langen Schnabelnase", die erinnert "an den fossilen Abdruck jenes ausgestorbenen Reptils, das Markus immer am meisten fasziniert hatte: Pterodactylus, Flugsaurier" - Wilhelm.

Eine schöne, eine komplizierte Konstruktion hat Eugen Ruge gebaut. In eine sauber einem Zeitstrahl von 1952 bis 1995 folgenden Abfolge von Geschichten, deren Zentrum, deren Hirn jeweils eine andere Figur der Familie ist, lässt Ruge immer wieder Alexanders Abenteuer in Mexiko ein und Erzählungen mit wiederum wechselnden Zentralhirnen, die Wilhelms Geburtstag aus unterschiedlichen Perspektiven spiegeln, immer neue Details sichtbar werden lassen. Lücken, die in der einen Geschichte bleiben, füllt die andere, manchmal auch nicht vollständig, bis das ganze Ausmaß der wiederum höchst symbolischen Feierkatastrophe offenbar ist.

Verlust des Bewusstseins

Das ist alles fabelhaft geschnitten. Das ist Tellkamp ohne stilistischen Fettansatz, karg geradezu, mit Sätzen wie Nadelstiche. Die Dialoge sind (sehr im Gegensatz zu den Tellkampschen im "Turm") auf hohem Niveau. Der Witz, der auch hier auf einem gigantischen Trauerhaufen wuchert, ist (wiederum im Gegensatz zum "Turm") beherzt und treffsicher. Die Pointen sitzen. Die Cliffhanger auch. Fein sortiert ist die Motiv-, fein verästelt die Symbolstruktur. Ruge beherrscht geradezu verblüffend die Fähigkeit, den jeweils wechselnden Figuren, einen eigenen Sprach- und Denkraum, einen eigenen Ton zur Verfügung zu stellen. Und die Kunst, den Leser auf geradezu beängstigende Art am Verlust der Bewusstheit, des Bewusstseins teilhaben zu lassen, beherrscht er auch.

Ein seltsamer Sog geht von diesem Buch aus (den es auch braucht, weil Szenen wie Alexanders Wehrdienstgeschichte im Diorama nebenan schon anschaulicher, bedrohlicher auch, zu besichtigen ist). Er hält lange an.

Die Nomenklatura-Sektion des Naturkundemuseums kann hiermit als vervollständigt betrachtet werden. Was wir - das soll jetzt keine Aufforderung zu einem zweiten Bitterfelder Weg sein, Gott bewahre - noch dringend brauchen, sind literarische Lebensbilder von Bauern zum Beispiel oder Arbeitern. Es muss da doch welche gegeben haben. In der DDR.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Rowohlt, Reinbek. 429 Seiten, 19,95 Euro.