Film

Clooney for President

Wie sich die Bilder ähneln. Drinnen wie draußen feiert die Menge ihren Helden, applaudiert, johlt, skandiert seinen Namen. Nur rufen sie drinnen, auf der Leinwand, nach Miller, dem Präsidentschaftskandidaten. Und draußen vor dem Kino nach George, dem Filmstar, der den Politiker spielt.

Es ist drei Jahre her, dass die Filmfestspiele von Venedig mit einem Clooney-Film, "Burn after Reading" von den Coen-Brüdern, eröffnet wurden. Italien-Liebhaber Clooney, der hier auch einen Palazzo sein Eigen nennt, sorgte mit der ihm eigenen Nonchalance für den bestmöglichen Festivalauftakt. Weil Clooney damals im Durchschnitt zwei Festivals pro Jahr besuchte, verstiegen wir uns zu der These, ein gelungenes Festival müsse mit mindestens einem Clooney aufwarten, ja werde in absehbarer Zeit überhaupt in Clooneys gemessen. Das müssen wir ein wenig revidieren. Der Mann dreht einfach nicht mehr so viele Filme und bringt es nur noch auf ein Festival pro Jahr: 2009 Venedig mit "Männer, die auf Ziegen starren", 2010 Toronto mit "Up in the Air". Nun eröffnet er die Festspiele am Lido erneut, und gleich in dreifacher Funktion: als Regisseur, Koautor und Schauspieler. "The Ides of March" (der in Deutschland am 22. Dezember startet) ist seine vierte Regie-Arbeit.

So wie man als britischer Schauspieler einmal den Hamlet gespielt haben muss, muss man als amerikanischer wohl einmal den Präsidenten geben. Clooney hat dieses Klassenziel noch nicht ganz erreicht. Sein Mike Morris ist immerhin ein Präsidentschaftskandidat, dessen Sieg als sicher gilt. Ein Obama-Typ mit Demokraten-Seele und Yes-we-can-Charisma. Clooney und Obama entstammen demselben Jahrgang, nur drei Monate liegen zwischen ihnen. Und auch ihr Weltbild ist ein ähnliches; der Star hat den Politiker im Wahlkampf unterstützt. Seinen Film, der auf einem Theaterstück von Faraday North basiert, habe er schon 2007 konzipiert, verrät Clooney nun in Venedig. Damals wurde Obama zum Kandidaten gekürt, deshalb schien ein solcher Film zynisch und missverständlich. Dass "Ides of March" nun doch so bald realisiert wurde, verrät vielleicht nichts Gutes über den Stellenwert des echten Präsidenten. Auch wenn Clooney seinen Film dezidiert nicht als Politparabel, sondern als moralisches Märchen verstanden wissen will.

Der Star spielt dabei, wie eigentlich in allen seinen Regiefilmen, nicht die Hauptrolle. "Ides of March" handelt primär vom Pressechef des Kandidaten, einem jungen, aufrechten Idealisten. Den spielt Ryan Gosling. Keiner in Hollywood ist derzeit so blond, so blauäugig und so gefragt wie er. Sein Pressesprecher Stephen Meyers wirkt denn auch so, wie wir Politiker gern sehen würden, eine Identifikationsfigur, eine Vertrauensperson. "Wenn du nicht loyal bist", sagt er einmal, "dann bist du nichts." Aber dann wird ihm von der gegnerischen Partei eine Falle gestellt, in die er prompt hineintappt, weil sie an seine empfindliche Stelle, den Ehrgeiz, rührt. Und er beginnt auch noch eine Affäre mit einer Praktikantin und ist dabei, wie er bald feststellen muss, nicht der einzige. Mit der Praktikantin sind wir weit weg von Obama und bei einem ganz anderen Präsidenten. Und schon ist die Loyalität dahin. Der Titel spielt nicht zufällig auf die Iden des März an, an denen Brutus seinem Ziehvater Cäsar in den Rücken fiel. Hier allerdings wechselt man nicht die Lager und meuchelt auch nicht den First Man. Stattdessen diktiert man jetzt selbst die Spielregeln.

Clooney demontiert hier mit Freude sein eigenes Image. Der Mann, den alle George rufen, kann uns Martini, Nespresso und Fiats verkaufen. Er könnte uns sogar das Telefonbuch vorlesen. Und würde er ernsthaft für ein politisches Amt kandidieren, schiene ein Erfolg nicht unwahrscheinlich, egal was er vertreten würde. Aber gerade dieser Mann stellt nun so etwas wie ein persönliches Misstrauensvotum. Er wird immer besser, immer stilsicherer. Allein die Eröffnungssequenz: Gosling spult da gelangweilt politische Phrasen herunter, erst nach einer Weile fährt ein Regiepult hoch und man erkennt, dass dies nur eine Mikrofonprobe ist. Später wird Clooney dieselben Worte in einer Wahlrede wiederholen, mit Pathos, als ob er die Rede zum ersten Mal hielte. Clooney wird, das sei verraten, nicht in die Politik wechseln. Der Mann, der da gerade im Oval Office sitzt, sagt Clooney, sei netter und besser als alle.