Roman

In der harten Währung der Fakten

Der Täter ist ein Koloss mit riesigen Händen, und als er ins Schwitzen kommt, riecht er unangenehm. An diese beiden Details werden sich später alle Zeugen erinnern. In einem Berliner Luxushotel fährt er mit dem Aufzug in die 4. Etage, wo er an die Tür der "Brandenburg Suite" klopft, einem Greis vier Kugeln in den Hinterkopf schießt und seinem Opfer so lange ins Gesicht tritt, bis der Absatz seines Schuhs abbricht.

Anschließend setzt er sich stumm ins Foyer und wartet auf seine Festnahme.

Die Frage nach dem "Whodunnit?", nach dem Täter, hat sich also schon auf den ersten Seiten von Ferdinand von Schirachs drittem Buch erledigt ("Der Fall Collini". Piper, 16,99 Euro). Wie auch in seinen beiden erfolgreichen Erzählbänden "Verbrechen" und "Schuld", schildert der Strafverteidiger und Autor auch in seinem ersten Roman eine juristische Fallgeschichte. Allerdings eine, deren Ursprünge bis zurück zu den Partisanenerschießungen durch deutsche Truppen 1943 in Italien reichen.

Doch erst einmal scheinen die Erkenntnisse, die seine Hauptfigur, der junge, unerfahrene Strafverteidiger Caspar Leinen, über seinen Mandanten, zusammenträgt, erschreckend banal: Der mutmaßliche Täter heißt Fabrizio Collini, ist Italiener und war 34 Jahre lang Werkzeugmacher bei Siemens. Er ist bereit zu gestehen, dass er der Mörder des Industriellen Hans Meyer ist. Warum er ihn allerdings umgebracht hat, darüber schweigt Collini.

Genau an diesem Punkt beginnt die Arbeit des Anwalts - und die hohe Kunst des Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Seine Spezialität ist es, in die beunruhigenden Untiefen des Verbrechens glasklare Sätze von bestürzender Amoralität einzupflocken. Dabei schildert er stets nur die Fakten, die einen Menschen und sein Leben ausmachen und seine Tat äußerlich markieren, den heißen Kern, die psychologischen Verwerfungen, die Schuldfrage, spart er aus.

Konstrukteur der Wirklichkeit

Ferdinand von Schirach schildert nicht einfach nur juristische Fälle, er hat eine wirkungsvolle Methode entwickelt, sie in souveräne Prosawerke zu verwandeln. Schirach ist ein feinnerviger Konstrukteur von Wirklichkeit. Beglaubigt durch seine eigene Erfahrung als Strafverteidiger suggeriert er dem Leser einen privilegierten Zugang zu den von ihm beschriebenen Fällen. Sein betont minimalistischer rhetorischer Gestus, sein beinahe schon eigensinniges Beharren auf Neutralität, sind nichts anderes als geschickte Winkelzüge, um den Leser noch tiefer in seine Szenarien hineinzuziehen.

Das funktioniert gut. Als vor zwei Jahren der erste Kurzgeschichtenband des Berliners erschien, verkaufte er sich eine halbe Million Mal und besetzte 45 Wochen lang die Bestsellerlisten. Die Übersetzungsrechte wurden in 30 Länder verkauft, die Filmrechte sicherte sich die Constantin Film. Zu von Schirachs Erfolg beigetragen haben sicherlich auch seine von viel zu vielen Zigaretten und einer eigenartigen Melancholie umwölkte Persönlichkeit, sowie dessen schillernde Familiengeschichte. In Interviews erklärte der Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach immer wieder seine Arbeit als Beruf, in dem es kein Gut und Böse zu geben scheint, und erst recht keine Moral. Ein Anwalt vertrete nicht die Gerechtigkeit oder die Wahrheit, sondern nur seinen Klienten. Und: "Ein Strafprozess ist die letzte ernsthafte Angelegenheit in dieser Welt. Es ist der Kampf um die Würde eines Menschen."

Ein Satz, den man auch als literarisches Programm lesen kann. Denn auch in "Der Fall Collini" geht es um nichts weniger als um die Würde eines Menschen, jene des Mörders Fabrizio Collini. Sein Pflichtverteidiger Caspar Leinen tut alles, um ihn so gut wie möglich zu vertreten, auch wenn ihm das schwer fällt. Denn wie sich bald herausstellt, war das Opfer Hans Meyer der Großvater von Leinens bestem Schulfreund Phillip - und so etwas wie ein Ersatzvater für den Anwalt. Beide - Meyer wie Leinen - hatten zudem einen Schicksalsschlag zu verkraften: Bei einem Verkehrsunfall sind vor Jahren Philipp und seine Eltern ums Leben gekommen. Es ist also nachvollziehbar, wenn Leinen sich zunächst sträubt, den Mörder eines ihm nahestehenden Menschen zu verteidigen: "Das Gesetz verlangt zu viel von mir, dachte Leinen, ich kann ihn nicht verteidigen, ich kann ihn kaum ansehen."

Es ist ein einfacher Mann, ein Bäcker, der ihn davon überzeugt, es doch zu tun. "Sie sind doch Rechtsanwalt, Sie müssen tun, was Rechtsanwälte tun", sagt er lapidar. Was Leinen dann enthüllt, ist so grausam, dass es den hartgesottenen Juristen im Gerichtssaal den Atem verschlägt.

Fakten, Fakten, Fakten

Auch hier verlässt sich von Schirach wieder ausschließlich auf die harte Währung der Fakten, wo andere Autoren seitenlang Motivation und Gefühlshaushalt der Figuren beschreiben würden, skizziert er lediglich die Umrisse eines Lebens, das jahrzehntelang alles einem einzigen Ziel untergeordnet hat: der Rache.

Das ist kühn, denn es fordert den Leser, der diese wohl kalkulierten Leerstellen selbst ausfüllt. Der sich emotional engagiert. So gesehen, handelt es sich um im besten Sinne bescheidene Literatur. Von Schirach spielt nicht die Rolle einer überlegenen moralischen Instanz, er bietet eine kompakte Geschichte ohne Pathos an. Was man Kraft seiner Fantasie daraus macht, bleibt jedem Leser überlassen.