Filmfest von Venedig

Große Namen, großes Programm: Großes Festival

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Peter Zander

Und immer noch klafft ein großes Loch. Wenn heute Abend am Lido die 68. Filmfestspiele von Venedig beginnen, ist wieder roter Teppich angesagt, werden für die nächsten anderthalb Wochen Bilder von strahlenden Stars die Boulevardmedien beherrschen.

Doch wenn die Kameras vom Palazzo del Cinema nur ein klein wenig nach rechts schwenken würden, könnte man den meterhohen Bauzaun sehen, der sich gleich daneben vor dem Palazzo del Casino über ein riesiges Areal erstreckt. Hier sollte ein neues, großzügiges Festivalzentrum entstehen, ein Prestigebau, der zum 150. Jahrestag des Vereinigten Italien eingeweiht werden sollte. 2008 war Grundsteinlegung, 2009 wurde tatsächlich gebaut. Doch spätestens seit dem letzten Festival liegt hier alles brach. Bei den Ausgrabungen stieß man auf Asbest, für dessen Abbau aber fehlen die nötigen Millionen. Eine Lokalposse.

Selten liegen Glamour und Ödnis so nah beieinander wie hier am Lido, wird die Selbstinszenierung, die ein Filmfestival leisten muss, so von realpolitischen Gegebenheiten torpediert. Einmal mehr also werden sich die Schaulustigen wie die Gala-Gäste in ihrem edlen Zwirn durch dieses enge Nadelöhr zwischen Strandpromenade und Absperrungen zwängen müssen. Das Leben ist eine Baustelle.

Es fällt schwer, von dieser offenen Wunde abzusehen. Auch wenn Festivalchef Marco Müller alles dafür getan hat. Gleich heute wird George Clooney hier erscheinen und mit seinem vierten Regiefilm "The Ides of March" das Festival eröffnen. Nur einen Tag später wird Roman Polanski seinen neuen Film "Carnage (Der Gott des Gemetzels)" vorstellen, ein Vierpersonen-Zerfleischungsstück mit Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly. Und gleich danach läuft der zweite Film von Madonna, "W.E." über die Liebe Edwards VIII. zu der Bürgerlichen Wallis Simpson, von dem ein paar Schnipsel schon auf der Berlinale gezeigt worden sein sollen.

Endzeitdrama der anderen Art

David Cronenberg wird hier seinen Freud-Jung-Film "A Dangerous Method" mit Keira Knightley und Viggo Mortensen vorstellen, Steven Soderbergh seinen Virenkatastrophenfilm "Contagion" mit Matt Damon und erneut Kate Winslet. Auch Abel Ferrara bietet mit "4:44 Last Day on Earth" ein Endzeitdrama, allerdings ganz anderer Art. Der Bildende Künstler Steve McQueen wird hier, nach dem preisgekrönten Regiedebüt "Hunger", seinen zweiten Film vorstellen, "Shame", wieder mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Tomas Alfredson zeigt seine Neuverfilmung des John-le-Carré-Klassikers "Dame, König, As, Spion" mit Gary Oldman und Colin Firth. Auch William Friedkin hat nach langer Durststrecke einen neuen Film gedreht, "Killer Joe" mit Matthew McConaughey. Und mit großer Spannung wird "Dark Horse" von Todd Solondz erwartet, der nach eigenem Bekunden einfach mal sehen wollte, "ob ich einen Film ohne Vergewaltigung, Pädophilie oder Masturbation machen kann".

Auflauf der Starregisseure

So viele namhafte Regisseure, so viele Stars. Es scheint, als wolle Marco Müller allen noch einmal zeigen, was man an ihm hat. Dies ist sein achtes Festival, sein Vertrag läuft damit regulär aus. In der Vergangenheit hat er oft betont, dass er danach wieder als Filmproduzent tätig sein wolle. Er ist allerdings auch schon mal als künftiger Festivalchef von Rom gehandelt worden (was von Rom wie von Venedig umgehend dementiert wurde). Sei es nun ein Abschied mit Pauken und Trompeten oder ein Akt der Wiederbewerbung: Müller hat ein Programm aufgestellt, das, wie er bekundete, seinen Vorstellungen eines gelungenen Festivals am nahesten kommt. Ein Programm, das auch die Konkurrenz in Berlin um die ewige Frage, welches A-Festival nach Cannes denn nun das wichtigere ist, vor Neid erblassen lassen muss.

Nun sind das alles erst mal nur Namen, und nicht jeder große Regisseur macht zwingend immer einen großen Film. Aber während Müller in der Vergangenheit immer wieder große Filme an die Konkurrenz in Toronto (eine Woche später) und Rom (einen Monat später) verloren hat, sind sie diesmal alle am Lido zu sehen. Mit einer einzigen Ausnahme: Roland Emmerich geht mit seinem Shakespeare-Film "Anonymous" nach Toronto.

Die USA bilden wie immer einen großen Schwerpunkt in Venedig, fünf Titel allein im Wettbewerb (bei 23 insgesamt) und gleich sieben (von 25), die außer Konkurrenz laufen. Die meisten Produktionen kommen aus Europa. Aber das deutsche Kino glänzt weitgehend durch Abstinenz. Polanskis "Carnage" ist immerhin eine von mehreren Koproduktionen, Constantin-Chef Martin Moszkowicz wird ein Ehrenpreis verliehen. Rein deutsche Titel finden sich aber nur in den Nebensektionen: In der Settimana della Critica zeigt Jessica Krummbacher "Totem", ein Drama, in dem eine Putzkraft den Alltag einer Familie durcheinander bringt. Und in der Reihe Orrizonti, die eigentlich dem Filmnachwuchs vorbehalten ist, läuft "Die Herde des Herrn". Ausgerechnet Romuald Karmakar hat einen Dokumentarfilm über Papst Benedikt XVI. gedreht, der nun, pünktlich zum Papst-Besuch in Deutschland, Premiere hat.

"Selten liegen Glamour und Ödnis so nah beieinander wie am Lido"