Geitels Geschichten

Das schlechte Gewissen

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Unaufhaltsam erklomm Oswald Kabasta die Chefposition bei den Münchner Philharmonikern, und an ihrer Spitze stellte er sich am 1. März 1940 in der Berliner Philharmonie vor. Er war damals 44 Jahre alt, demnach im besten Alter.

Ich war verteufelt neugierig, ihn zu hören. Kabasta war es, der Franz Schmidts " Buch mit sieben Siegeln" zwei Jahre zuvor in Wien zur Uraufführung gebracht hatte. Man sah in dem Werk geradezu die Wiedergeburt des klassischen Oratoriums. Man trug Schmidts neues Werk andachtsvoll wie auf Händen. Die aber gehörten Kabasta. Sie wurden sozusagen gleichzeitig mit denen des Komponisten heilig gesprochen.

Es ist schon betrüblich: ich besitze keine Erinnerung daran, was Kabasta damals, vor siebzig Jahren, in Berlin dirigierte. Aber Kabasta war alles andere als ein Langweiler. Er war ein massiv wirkender, zugleich temperamentvoller Mann. Am Pult machte er nicht mit sich Reklame, sondern einzig mit der von ihm aufgeführten Musik.

Allerdings führte er sie in der "Hauptstadt der Bewegung" auf, wie man München damals nannte. Die Nazis saßen ihm dicht auf dem Leib. Kabasta ließ sich, ob aus eigener Überzeugung oder notgedrungen, zu deutlich mit ihnen ein, so dass er, obwohl bis dahin zuhöchst bewundert, bei Kriegsende urplötzlich wie ein Aussätziger dastand, gemieden von allen Seiten. Das hielt er nicht aus. Er nahm sich 1946 das Leben, gerade mal fünfzig Jahre alt. Damit löschte er auch sein Nachleben aus.

Das Leben ist nun einmal eine höchst unsichere Sache, selbst für Dirigenten und dies nicht einzig in Kriegszeiten. Heute sind wir daran gewöhnt, Herren höchst vorgeschrittenen Alters am Dirigentenpult stehen zu sehen. Andere Großtalente versterben dagegen allzu jung. Die moderne Technik ist daran mit beteiligt. Thomas Schippers, der hochbegabte, erst zwanzigjährige Amerikaner, dem Gian Carlo Menotti die Uraufführung seiner Oper "Der Konsul" anvertraute und der ihn alsbald zum Leiter seines "Festival zweier Welten" ins italienische Spoleto berief, hatte sich bereits ans Bayreuther Wagner-Pult hinaufgearbeitet, starb bei einem Flugzeugabsturz, gerade mal 47 Jahre alt.

Ich war dabei, als mein Freund Giuseppe Sinopoli bei einer "Aida"-Aufführung in der Deutschen Oper vor aller Augen tot zusammenbrach und im Niederstürzen auch noch krachend das Pult mit sich riss. Verdi verstummte. Der Chor stürzte entsetzt an die Rampe, in den urplötzlich schweigenden Graben hinabzuspähen Das ist zehn Jahre her. Doch das Entsetzen, die Trauer darüber, haben mich seitdem nicht verlassen. Giuseppe wurde 55 Jahre alt.

Ich freue mich jedes Mal, den inzwischen über achtzigjährigen Herbert Blomstedt wiederzuhören, den Meisterdirigenten aus Schweden. Mein absoluter Lieblingsdirigent unter den alten Herren wurde aber Georges Prêtre. Ich lernte ihn am Pult als das gute musikalische Gewissen von Maria Callas kennen. Vor kurzem musste ich nachschlagen, wie alt er inzwischen ist. Ich lernte dabei zu meinem Erstaunen, dass Prêtre nicht nur im selben Jahr - 1924 - wie ich geboren wurde, sondern auch am gleichen Tag, Vielleicht sogar zur selben Stunde? Ich muss wohl Prêtre bei seinem nächsten Berliner Konzert fragen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern