Konzert

Yundi Li ist den Rätseln um Chopin auf der Spur

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Klaus Geitel

Noch immer ist er keine dreißig Jahre alt. Bis auf neunundzwanzig aber hat Yundi Li, der phänomenale chinesische Pianist, zu Gast im Konzerthaus, es inzwischen gebracht, auch wenn er das beschließende "Li" seines Namens inzwischen gelöscht hat.

Nun nennt er sich kurz und knapp nur noch Yundi, er wird wissen warum. Von seinem Können hat er darüber kein Tüpfelchen preisgegeben. Er spielt nach wie vor in Vollkommenheit: ein Virtuose reinsten und feinsten Wassers, mit einer kräftigen Spritze eigensten Blutes.

Mitten im Franz Liszt-Jahr bietet er, wahrscheinlich sehr zum Ärger von der engagierten Nachfahrin Nike Wagner, ein reines Chopin-Programm. Er beginnt mit fünf Nocturnes und lässt nach der Pause vier Mazurken folgen. Er saust also tatsächlich mit allen zehn Fingern durch den pianistischen Kosmos, der da Chopin heißt und späht ihn mit Könnerschaft und Nachdenklichkeit aus. Nicht, dass er darüber auf die Großwerke verzichtete.

Er steuert tatsächlich, wenn auch auf den denkbar delikatesten Umwegen, immerfort auf sie zu: zunächst auf das berühmte Andante spianato mit der Grande Polonaise brillante im Gefolge. Dann aber als Höhepunkt des ebenso unterhaltsamen wie herausfordernden Abends auf die Sonate Nr. 2 in b-moll: Chopins undurchschaubares Rätselstück, insgeheim wohl den Zuflüsterungen des Grabes abgelauscht. Des eigenen vielleicht? Oder eines fremden? Yundi gibt keine Auskunft darüber, seiner Darstellung jedoch reichsten pianistischen Nachdruck. Er dichtet sie sozusagen in die Tasten hinein.

Es ist ein Irrtum der Jahrhunderte gewesen, immer missfälliger auf die Virtuosität herabzublicken, als gehöre sie zu den musikalischen Missgeburten. Yundi setzt sie wieder ein in ihr altes Recht. Er behandelt sie wie eine Selbstverständlichkeit, den Geist eines Werkes voll auszureizen und gleichzeitig voll auszukosten. Er sieht in pianistischer Armut fraglos keinen Meilenstein zur Vertiefung des musikalischen Ausdrucks.

Dabei zeigt er sich keinen Takt lang musikalisch überheblich. Er spielt kein unaufhörlich hervordonnerndes Selbstlob heraus. Er bleibt der Komposition treu bei der Stange. Er tut sich nicht wichtig. Er ist es. Es stellt sich natürlich die Frage, wie er wohl mit Beethovens Sonaten umgehen würde? Oder denen von Brahms? Tatsächlich müsste er ein großartiger Hindemith-Spieler sein. Er besitzt Witz und Bravour, Einsicht und Weitsicht, eine durch und durch gesicherte Technik.