Affäre

Dubiose Geldgeschäfte im MDR

Es ist der 28. September 2009, als in Berlin ein Mann ein Schreiben aufsetzt, dessen Brisanz er noch nicht ahnen kann. Der Berliner Musikmanager will endlich sein Geld zurück: 10 000 Euro, die er vor gut drei Monaten verliehen hat. Adressat des Schreibens ist Udo Reiter, Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks.

Der Manager tippt alles in seinen Computer. Dass ihn einer von Reiters wichtigsten Mitarbeitern angepumpt hatte: Udo Foht, Unterhaltungschef des MDR. Er brauche Geld, zur Zwischenfinanzierung eines neuen Fernsehformats, habe Foht gesagt. Der Manager schreibt Reiter auch, dass er seine 10 000 Euro nicht wie versprochen zurückerhalten habe. Stattdessen habe Foht ihn mit immer neuen SMS vertröstet. Der Mann legt dem Brief eine Abschrift dieser Kurznachrichten bei. Er schickt seine Beschwerde als Einschreiben mit Rückschein an den MDR.

Der Fall steht beispielhaft für die dubiosen Geldgeschäfte, die Fohts Herrschaft als König der Schlager- und Volksmusik im deutschen Fernsehen beendet haben. Der MDR hat ihn Ende Juli dieses Jahres vom Dienst suspendiert. Der 10 000-Euro-Fall aber ist besonders delikat, denn er bringt gleich zwei Schwergewichte der Medienbranche in Erklärungsnot: MDR-Intendant Udo Reiter und Werner Kimmig, einen äußerst einflussreichen Fernsehproduzenten, Macher der Bambi-Gala und anderer quotenträchtiger Shows.

Reiter muss jetzt erklären, warum er im Herbst 2009 nicht getan hat, was wohl jeder verantwortungsbewusste Chef eines Konzerns mit fast 2000 Mitarbeitern täte, wenn er über krumme Machenschaften eines leitenden Angestellten unterrichtet würde: ihn zur Rede stellen, ihn abmahnen oder gar entlassen, womöglich die Staatsanwaltschaft informieren. Und Kimmig muss sich fragen lassen, warum ausgerechnet er Schulden beglichen hat, die der MDR-Mitarbeiter Foht gemacht hat - angeblich geschäftlich.

Der Reihe nach.

Der Berliner Musikmanager, der anonym bleiben will, erhält nur einen Tag, nachdem er sein Einschreiben an Reiter abgeschickt hat, einen Anruf. "Hier ist das Büro von Professor Reiter", der Intendant habe den Brief erhalten und man kümmere sich umgehend um die Sache. Reiter bestreitet das. Der Manager aber ist ganz sicher. Einige Tage später wird er erneut angerufen. Dieses Mal von Werner Kimmig. Er übernehme die Rechnung, sagt Kimmig. Am 20. Oktober geht tatsächlich auf dem Konto des Berliner Musikmanagers eine Gutschrift über 10.000 Euro ein. Auf dem Kontoauszug ist seine Rechnungsnummer RG.RN 28/2009 vermerkt. Er belegt, wer das Geld überwiesen hat: die Werner Kimmig GmbH. Er belegt also auch, dass auch Kimmig in die Affäre Foht verstrickt ist und dessen Schnellballsystem aus Transaktionen mit am Leben gehalten hat. Das könnte für ihn noch unangenehme Folgen haben. Denn mit dem Vorgang beschäftigt sich die Leipziger Staatsanwaltschaft, der MDR hat ihr seine Unterlagen übergeben.

Kimmig dirigiert heute eine der erfolgreichsten TV-Produktionsfabriken für Entertainment in Deutschland, sie produziert im Jahr bis zu 130 Fernsehsendungen. Nun muss Kimmig erklären, warum seine Firma mit 10 000 Euro eingesprungen ist, um dem Mitarbeiter eines wichtigen Auftraggebers aus der Patsche zu helfen, offenbar ohne Gegenleistung. Hat Kimmig sich von einem Gefallen für seinen Freund Foht einen geschäftlichen Vorteil erhofft - oder sogar gehabt? Diese Fragen stellt sich vielleicht die Staatsanwaltschaft.

Seit Wochen bemüht sich die "Welt" um eine Stellungnahme von Kimmig, vergeblich. Dabei gibt es noch einen zweiten Vorgang, der zu erklären wäre.

Nach Recherchen der "Morgenpost" hat sich Kimmig im Zusammenhang mit der Schlagersendung "Immer wieder sonntags" von Foht beraten lassen. Der Südwestrundfunk (SWR), der die Sendung für die ARD betreut, bestätigt das. Das heißt, dass ein Mann des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens als privater Berater für einen Geschäftspartner auftritt, zu dessen Großkunden der MDR und die ARD zählen. Der SWR kritisiert, dies sei "insofern zu beanstanden, dass es sich bei Herrn Foht um einen Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks handelt". In der Tat wirft die Sache Fragen auf, selbst solche, die vielleicht strafrechtlich relevant werden. Worin genau bestand die Beratungstätigkeit? Wie wurde sie dotiert? Der SWR lässt wissen, dass er darüber nichts weiß. Kimmig schweigt, Foht auch. Kimmig ist schon der zweite prominente deutsche Medienmanager, der durch die Foht-Affäre ins Zwielicht merkwürdiger Leihgeschäfte rückt. Denn auch der Münchener Musikverleger Hans R. Beierlein hat Foht ohne erkennbare Gegenleistung Geld gegeben. Die "Morgenpost" enthüllte, dass Beierlein im Jahr 2008 80 000 Euro lockergemacht hatte, angeblich um Foht die Vorfinanzierung einer MDR-Schlagersendung zu ermöglichen. Doch obwohl Beierlein nur einen Bruchteil des Geldes wiederbekam, schwieg er jahrelang. Warum nur? Hoffte er vielleicht, dass Foht diese Gefälligkeit mit anderen Gefälligkeiten vergelten würde? Nicht auszuschließen, dass die Leipziger Staatsanwälte auch diesen Vorgang auf die strafrechtliche Bedeutung hin prüfen.

Wenn die Rundfunk- und Verwaltungsräte des Mitteldeutschen Rundfunks an diesem Mittwoch in Leipzig zu einer Sondersitzung zusammenkommen, wollen sie Antworten hören. Intendant Udo Reiter soll vortragen, was eine unabhängige Untersuchungskommission über die Machenschaften Fohts herausgefunden hat.

Auch Reiter selbst und seine Rolle in der Affäre Foht dürften in der Sitzung thematisiert werden. Denn nach Recherchen der "Morgenpost" ist Reiter schon im September 2009 detailliert über Fohts Geschäftsgebaren unterrichtet worden: durch das Schreiben des Berliner Musikmanagers. Aus den protokollierten SMS etwa geht hervor, dass Foht immer neue Gründe fand, warum er seine Schulden Woche für Woche nicht beglich. Erst war angeblich die Rechnungsabteilung des MDR schuld, dann wollte Foht das Geld persönlich nach Berlin bringen, dann wollte er es doch überweisen. Am Ende war eine Darminfektion der Grund, warum er nicht "von der Toilette komme" und deshalb nicht nach Berlin. Zudem versprach Foht dem Musikmanager "1000 Euro Zinsen zusätzlich". Das alles hätte Reiter alarmieren können. Erst recht, da Foht dem MDR mehrfach Anlass gegeben hatte, an seiner Integrität zu zweifeln.

Seit 2001 steht er im Verdacht, als IM "Karsten Weiß" für die DDR-Staatssicherheit gespitzelt zu haben, was er bestreitet. Er war vor schon einmal abgemahnt worden, weil er ohne Genehmigung seiner Vorgesetzten eine teure Produktion in Auftrag gegeben hatte. Zudem waren Fohts private Geldprobleme im MDR längst Flurgespräch, sein Gehaltskonto war teilweise gepfändet. Und er schottete sich oft wochenlang ab und war dann selbst für Vorgesetzte kaum zu sprechen. Es gab also schon 2009 gute Gründe, misstrauisch zu sein.

Und was macht Reiter, als er das Einschreiben des Berliner Musikmanagers bekommt? Reicht es an seinen Fernsehdirektor weiter und stellt "keine weiteren Nachforschungen" an. So hat er es selbst dargestellt. Als er durch Medienberichte unter Druck geraten war, gab er am 17. August 2011 eine Pressemitteilung heraus. Mitte Oktober 2009 habe er, Reiter, von seinem Fernsehdirektor die Mitteilung erhalten, "dass die Sache erledigt sei". Damit gab er sich offenbar zufrieden. Zwei Jahre später ermittelt die Leipziger Staatsanwaltschaft mit Hochdruck - in alle Richtungen.