Film

Männer morden, Spione verführen

Es muss jetzt wirklich bald ein neuer James-Bond-Film gedreht werden. M-Darstellerin Judi Dench (77) wird ja nicht jünger, und 007-Daniel-Craig dreht aus purer Verzweiflung schon Genre-Kokolores wie "Cowboys & Aliens". Die Konkurrenz schläft aber nicht und schließt die Lücke auf ihre Weise.

Selbst mit Titeln, die eigentlich eine eigene Marke bilden und in ganz anderen Zeiten spielen. Wie jetzt "Die drei Musketiere in 3 D", die am Donnerstag in unsere Kinos stürmen.

Athos taucht gleich zu Beginn in einer Lagune von Venedig auf wie Sean Connery in "Goldfinger". Er hat zwei Armbrüste auf dem Rücken, die er wie Gewehre aus dem Halfter zieht. Aramis wirft sich in der nächsten Sequenz von hohen Zinnen, als müsste er Pierce Brosnans Bond-Einstand in "Goldeneye" imitieren. Und Porthos lässt sich absichtlich gefangen nehmen, um sich dann von seinen Ketten zu reißen und die Gegenspieler, darunter auch ein Til Schweiger in einem Mini-Auftritt, zu überwältigen. So beginnt kein Mantel- und Degenfilm, so beginnen die Vorfilme bei Bond. Und wirklich: In der Version von Paul W. S. Anderson erscheinen die Musketiere wie Geheimagenten Seiner Majestät, Louis XIII., mit der Lizenz zur Genre-Überschreitung. Und als verrückter Gagdet-Erfinder Q fungiert kein Geringerer als Leonardo da Vinci, der zwar schon das Zeitliche gesegnet hat, dessen Geheimpläne für eine wunderliche Kriegsmaschine aber in diesem herrlich absurden Intro von den drei Titelhelden gestohlen wird.

Musketiere sind ja eigentlich Fußsoldaten der Kavallerie. Und waren als solche auch in Alexandre Dumas' berühmtem Roman etwa bei der Belagerung von La Rochelle anno 1627 tätig. In den über 50 Verfilmungen seither aber bedienen sich die Recken fast ausschließlich jener Waffe, die dem Edelmann eigentlich nur zur Zier gereicht, dem Mantel-und-Degen-Film aber seinen Namen gibt. Einer für alle, Säbel über Kreuz, man kennt das ja.

Fregatten mit Riesenballons

Die bislang letzte Verfilmung mit Chris O'Donnell und Kiefer Sutherland war 1993 die Antwort auf das neue digitale Kino. Klar, dass die 2011er-Version nun dreidimensional daher kommen muss. Regie aber führte Paul W.S. Anderson, der eher für Science-fiction-Kost wie die "Resident Evil"-Filme bekannt ist und von dem man sicher keinen historisch korrekten Kostümfilm erwarten durfte. Also: Vergesst Dumas. Vergesst wehende Mäntel und Degen-Tänzeleien. "Die drei Musketiere" sind die Bonds des 17. Jahrhunderts. Kardinal Richelieu war von jeher eine schillernd böse Gegenfigur, Mylady de Winter erfüllte immer schon all das, was Bond-Gegenspielerinnen ebenfalls leisten: Männer morden und Spione austricksen.

Anderson jedenfalls startet die Rückkoppelung. Statt der bei Bond üblichen exklusiven Hotels und exotischen Schauplätze greift man hier auf königliche Schlösserpracht zurück. Weil es aber unmöglich war, im Louvre zu drehen, der damals noch kein Museum, sondern die Residenz des Königs war, und weil "Die drei Musketiere" von der Constantin produziert und in Deutschland gedreht wurde, wich man auf Kulissen wie die Würzburger Residenz oder das Neue Schloss auf Herrenchiemsee aus. Bajuwarische Bauten, die alle erst lange nach der Spielzeit des Films errichtet wurden. Und weil jede Verfilmung die vorherige toppen muss und es bei 007 immer ein überdrehtes Finale gibt, ließ man sich hier einen Showdown einfallen, gegen den wirklich jedes noch so tollkühne Degenduell als ödes Geplänkel wirkt: da Vinci sei Dank, steigen hier, im 17. Jahrhundert, gleich zwei Luftschiffe in des Wortes ureigener Bedeutung - Fregatten mit Riesenballons - in die Höhe, um sich zu bekriegen. Da sind die Musketiere ihrer Zeit weit voraus.

Dieses abstruse Abenteuer-Versatzspiel macht weidlich Spaß. Zumindest so lange, wie es dreist in den Genre-Gefilden aast. Schwierig wird es ab dem Moment, da der Film doch noch die Kurve zu Alexandre Dumas kriegen will. Das führt zu einem Schlingerkurs, der den Film ins Trudeln bringt. Lange vor der irrwitzigen Luftschlacht ist bereits die Luft raus.

Interesse an Nebensächlichkeiten

Eigentlich schade. So bleiben nur ein paar herrliche Details. Wie diese Musketier-Version überhaupt mehr an Nebensächlichkeiten interessiert scheint. Das zeigt schon die Besetzung, die am prominentesten bei den Nebenfiguren viel prominenter gecastet ist. Orlando Bloom ist mal kein Kampfgefährte, sondern ein herrlich aufgeblasener, selbstverliebter Herzog von Buckingham. Milla Jovovich, "Resident Evil"-Veteranin und nicht zufällig die Gattin des Regisseurs, lässt als Mylady de Winter alle Musketiere zusammen recht alt aussehen. Sorgen müssen wir uns allerdings ein wenig um Christoph Waltz. Dass er den Kardinal Richelieu spielt, seine erste Rolle auf deutschem Boden seit seinem Oscar, galt als Besetzungscoup. Aber nun scheint der Mime seinem großen Kollegen Anthony Hopkins nachzueifern. Auch der hatte Jahrzehnte lang hervorragende Arbeit geliefert, ohne gebührend wahrgenommen worden zu sein. Auch der hatte einen späten Durchbruch mit einer abgrundbösen Rolle. Und variiert seither mit Todesverachtung nur noch den Ewigschurken. Seinen Richelieu schüttelt Waltz hier aus dem Purpurärmel. Die meiste Zeit ist er ohnehin abwesend und liest. Als fahnde er im Drehbuch noch nach einer genialen Szene für sich. Wir haben indes Hoffnung: Diese Woche wird Waltz in Venedig auch in Polanskis "Gott des Gemetzels" zu sehen sein. Und soll einmal keinen Bösewicht spielen.