Sasha Waltz & Guests

Sprung ins Aquarium

So viele böse Pfiffe musste Annette Dasch wohl noch nie wegstecken. Ratlos schlingerte sie zwischen ihren Programmpunkten hin und her, kürzte hier, verlängerte da und brach immer wieder ab. Der Wildhüter, der etwas über nistende Käuzchen unter dem Bühnenboden erzählen sollte?

Gnadenlos weggebuht. Jetzt mal alle zusammen "Kein schöner Land" und "Happy Birthday"? Nicht wirklich. In der regennassen Waldbühne riefen die Leute lautstark nach Sasha Waltz und ihrer Tanztruppe. Was möglicherweise auch an einem Missverständnis lag. "Die Leute, die jetzt buhen, haben einfach keine Ahnung. Beginn ist um 20.30 Uhr, das steht auch auf Ihren Karten", sagte Dasch. Vielleicht nicht die beste Idee, ein ausharrendes Publikum auch noch zu beschimpfen. Vor allem, wenn man Unrecht hat: "Beginn 19 Uhr" stand auf den Karten, "Einlass 17 Uhr".

Was in Annettes Daschsalon funktioniert, ist auf der großen Bühne ein bisschen ärmlich: charmantes Geplauder, ein Tamburin-Solo, eine Geburtstagstorte, die im Publikum verteilt wird, und die ständige Animation zum Mitsingen und Mitklatschen. Das wirkt zu sehr wie Kindergeburtstag - auch wenn tatsächlich der fünfte Geburtstag des Radialsystems V gefeiert werden sollte, in dem Dasch und Waltz eine künstlerische Heimat haben.

Arbeiter mit Gummischrubbern fegten immer wieder das Regenwasser von der Bühne. Die Besucher warteten auf eine andere Art von Wasser. Auf das berühmte Platschen, mit dem die Tanzoper "Dido & Aeneas" beginnt. Der Sprung des Tänzers ins riesige Aquarium ist als akustisches Markenzeichen noch vor dem ersten Orchestereinsatz zu hören. Das Wasserballett des Prologs ist einfach eine Augenweide. Die Körper, die wie in Zeitlupe durch das gläserne Becken gleiten, zelebrieren eine Ode an die Überwindung der Schwerkraft. Sie schildern die Geburt allen Lebens aus dem Wasser. Naturmächte spielen in Henry Purcells Barockoper viele Rollen. Auch deshalb funktioniert die Choreografie von Sasha Waltz herrlich unter freiem Himmel. Vor allem sind ihre großen Tableaus üppig und kraftvoll genug, um auch in der Riesenarena zu bestehen. Das Ambiente des griechischen Amphitheaters gibt der alten Geschichte einen stimmigen Rahmen.

Die gängigen Opernhierarchien stellen Sasha Waltz & Guests auf den Kopf. Nicht Gesangsstars, sondern Tänzer und Choristen spielen die Hauptrollen. Statt Solisten stehen Ensembles im Vordergrund. Purcells nur fragmentarisch überlieferte Oper lässt solche Experimente zu. Aurore Ugolin, Reuben Willcox und Deborah York singen sich Glück, Zweifel und Herzschmerz eindrucksvoll von der Seele. Doch das Vocalconsort Berlin, das nicht nur einfühlsam singt, sondern auch tänzerisch eine erstaunlich gute Figur macht, stellt die Solisten einfach in den Schatten. Selbst der Konzertmeister der unter Chris Moulds pointiert und gefühlvoll aufspielenden Akademie für Alte Musik verlässt irgendwann das Podium und mischt sich unter die Bühnenakteure.

Die Stars sind aber eindeutig die Tänzer und ihre Choreografin. Jeder Sänger hat ein bis zwei tanzende Schatten, die alle Gefühlsregungen der tragischen Liebesgeschichte in Körpersprache übersetzen. Der Tanzmeister schwingt die Peitsche. Der barocke Hofstaat feiert sein knallbuntes Fest mit fliegenden Fetzen. Die barocke Bilderwelt ist allgegenwärtig, aber sie wird mit Augenzwinkern präsentiert. Die minimalistische Sterbeszene am Ende ist dagegen ernst und anrührend. Der Brückenschlag zwischen Barock und Moderne, zwischen Tanz und Oper fordert auch sechs Jahre nach der Premiere wieder lautstarken Jubel heraus.

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