Bühne

Verkopft, verkrampft: "Tanz im August" ist endlich vorbei

Eine in die Jahre gekommene deutsche Tanzikone läuft den Männern hinterher und lässt dem Herdentrieb seinen Lauf. Lässt sie hecheln und kriechen. Dazu tragen sie Shogun-Tischdecken, und es gibt Mahler. Ein dünner Franzose referiert an einem Tisch und im Raum über die Zecke und das Universum.

Eine Frau macht viel Krach und lässt missgelaunte Gestalten zucken. Eine andere Frau lässt im Dunkeln noch Dunkleres murmeln von Mooren und Mikroben, schließlich bunten Rauch aufsteigen. Ein Brasilianer hetzt eine Meute immer von links nach rechts, am Schluss auch nackt. Das machen die Brasilianer nämlich immer so.

Und das soll es gewesen sein? Momentaufnahmen aus fünf Produktionen aus 13 Ländern, vorgestellt von fünf Kuratoren beim Berliner "Tanz im August", auch im 23. Jahr noch das größte, mit drei Wochen Spielzeit auch das längste deutsche Tanzfestival. Für wen wird hier eigentlich getanzt. Und was? Wird überhaupt getanzt?

Zumindest die letzte Frage ist leicht zu beantworten, Ja, es wird wieder mehr sich bewegt als noch vor einigen Jahren, als die Konzeptdominas der Szene die Parole ausgaben: Nicht tanzen, reden. Der ausgestellte Körper ist Provokation und Programm genug. Insofern mag der Insektendiskurs von Noé Soulier wie ein alberner Nachzügler wirken. Aber festzustellen ist doch: In meist kurzen, mit sehr simplen Fragestellungen aufwartenden Stücken wird niemand gefordert. Tanz verengt sich oft auf eine zu lösende Kinetikaufgabe, meist durch stupide Wiederholung intensiviert. Und das hat man meist nach zehn Minuten verstanden.

Eszter Salamon und Meg Stuart sind bei fast jedem "Tanz im August" dabei. Bringen sie Neues? Nein! Immer nur Verweigerung, Krach und Depression. Trotzdem haben sie ihr finanziell gut unterfüttertest Festivalticket. Wann hat Susanne Linke zuletzt etwas Kreatives fabriziert? Was haben die mittelmäßigen HipHopper, die Mickael le Mer geschickt hat, hier verloren? Oder die 25 Minuten lang ein wenig müden Breakdance vorführenden Eurasierinnen von "Yonder Woman"? Die Entdeckung der Street Art ist auch schon wieder einige Jahre her.

"Tanz im August" ist gut besucht, hat sein alles durchwinkendes Nischenpublikum. Aber es erstickt fast an seiner Selbstreferenzialität und seiner kleinmütigen "Alles geht"-Haltung. Die große, weite Tanzwelt ist nicht so beschränkt und gleichförmig, wie sie hier ausgebreitet wird. "Tanz im August" kaut nur die Berliner Erbsensuppe weiter. Das Bunte, das Schöne, das Schräge, das Schrille und auch das Publikumswirksame, das muss man längst bei anderen Festivals suchen. In Berlin geht es verkopft, verkrampft, graumäusig zu.

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