Interview mit Anthony Kidies

"Es ist ja keine geblieben"

Seit knapp dreißig Jahren gibt es sie, sie haben mehr als 60 Millionen Alben verkauft, sechs Grammys gewonnen, darunter "Best Rock Album" für das vorherige Doppelwerk "Stadium Arcadium" und die Welt mit Klassikern wie "Under the Bridge", "Give it away" oder "Californication" bereichert.

Nach fünf Jahren haben Red Hot Chili Peppers nun wieder ein neues Album veröffentlicht, "I'm with you" heißt es und ist die erste nach dem Abgang von John Frusciante. Der neue Mann an der Gitarre ist Josh Klinghoffer, der mit 31 Jahren um einiges jünger ist als der 48-jährige Sänger Anthony Kiedis. Mit ihm sprach Steffen Rüth.

Berliner Morgenpost: Mister Kidies, stand das Fortbestehen der Red Hot Chili Peppers jemals zur Debatte?

Anthony Kiedis: Nicht für mich. Ich habe nie daran gedacht, dass es möglicherweise gar nicht mehr weitergehen würde.

Berliner Morgenpost: Wie beeinflusst Ihr neuer Gitarrist Josh Klinghoffer den Sound der Chili Peppers?

Anthony Kiedis: Er bringt eine andere Note. Sein Stil ist subtiler, poetischer und sehr facettenreich. Josh spielt nicht so direkt wie John. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Berliner Morgenpost: Sie kannten ihn schon eine Weile, er spielte auch schon als zusätzlicher Gitarrist auf Ihrer letzten Welttournee.

Anthony Kiedis: Wir kennen ihn seit 15 Jahren. Er war schon lange ein Teil unserer Familie. Die Leute denken, für ihn ist es so eine wahnsinnig große Sache, jetzt in dieser berühmten Rockband zu spielen. Ist es eigentlich gar nicht. Josh war schon ein sehr gefragter und geschätzter Musiker, er ist nicht bei uns dabei, weil er Ruhm und Macht sucht. Josh liebt einfach die Musik, er liebt es, Gitarre zu spielen, das ist sein Leben.

Berliner Morgenpost: Nach der letzten Tournee hat die Band zwei Jahre Pause gemacht. Wie haben Sie die Zeit verbracht?

Anthony Kiedis: Jedenfalls nicht als ein Mitglied der Red Hot Chili Peppers. Und nicht damit, Musik zu schreiben, aufzunehmen oder zu touren. Was die Band angeht, habe ich abgeschaltet, völlig. Nach der letzten Tour habe ich als erstes: Durchgeatmet. Dann zog ich ans Meer. Und wurde Vater. Everly Bear ist jetzt fast vier. Ein wirklich erstklassiges Timing für mein erstes Kind.

Berliner Morgenpost: Wollten Sie ein Kind?

Anthony Kiedis: Nein, Everly war nicht geplant. Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt nicht groß darüber nachgedacht, wie das wäre, ein Kind zu haben. Mit meinen früheren Partnerinnen hat sich diese Frage einfach nie gestellt. Der Junge ist meiner Ex-Freundin Heather Christie und mir einfach passiert. Toll, oder? Ich war also nun nicht mehr dieser Rockstar, der über die Kontinente tobte. Sondern ein Dad. Der morgens sehr früh aufstand, sich um seinen Sohn kümmerte und wunderbar ruhig wurde. Da ich einen sportlichen Ausgleich brauchte, fing ich an zu surfen

Berliner Morgenpost: Wie hat sich Ihr Leben seit seiner Geburt verändert?

Anthony Kiedis: Vorher lebte ich so instabil, dass ich gar keine wirklichen Wurzeln geschlagen habe. Ich besaß kein Haus, in dem ich dauerhaft wohnte und lebte kein Leben, in das sich so etwas wie Gewohnheiten oder sogar Beständigkeit einschleichen konnten. Und so kam es, dass ich zwei der stillsten Jahre meines Lebens verbrachte. Was sehr anders und sehr nötig war für mich.

Berliner Morgenpost: Manche Männer sehen in ihrer Vaterschaft das Erwachsensein besiegelt. Sehen Sie das genauso?

Anthony Kiedis: Das käme darauf an, was man unter Erwachsensein versteht. Für mich war die Geburt von Everly das erste Mal, dass ich nicht mehr der wichtigste Mensch für mich selbst war. Mein erster Gedanke war plötzlich nicht mehr "Was kann ich für mich Gutes tun?". Sondern "Was kann ich für den Kleinen Gutes tun?" In dieser Hinsicht ändert sich alles. Du kannst nicht mehr einfach mitten in der Nacht abhauen. Du kannst nicht mehr einfach ein verantwortungsloses Schwein sein. Weil da ein kleiner Mensch ist, der sich allzeit auf dich verlässt.

Berliner Morgenpost: Wenn man die alten Geschichten liest, dann besteht kein Zweifel, dass Drogen und Alkohol prägende Elemente Ihres Lebens waren. Sie waren lange Zeit heroinsüchtig.

Anthony Kiedis: Ja. Ich habe Schwierigkeiten bewältigt und bin nicht gestorben. Heute lebe ich, bin gesund und bin glücklich. Meine Lebensgeschichte war recht farbig. Das war ja nicht alles immer nur schlimm oder tragisch. Es gab auch Phasen, in denen ich viel Freude hatte, alles mögliche an Drogen auszuprobieren und mit den coolen Rockstarfreunden meines coolen Vaters, mit Cher oder Alice Cooper, abzuhängen.

Berliner Morgenpost: Soll Ihr Sohn so aufwachsen wie Sie?

Anthony Kiedis: Nein, natürlich nicht. Ich möchte unbedingt vermeiden, dass er unnötig leiden oder vermeidbare Schmerzen erdulden muss. Ich meine, auch mein Vater liebte mich und wollte mein Bestes.

Berliner Morgenpost: Als Sie zwölf Jahre alt waren, brachte Ihnen Ihr Vater, ein Schauspieler und Musiker, bei, wie man kifft und stellte Ihnen seine Freundin als erste Sexualpartnerin zur Verfügung.

Anthony Kiedis: Eben. Ich wäre glücklicher ohne manche seiner Lehrstunden gewesen.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie jemals Angst, dass Sie nicht überleben werden?

Anthony Kiedis: Nein, hatte ich nicht. Ich hatte zu keiner Phase das Gefühl, dem Tod ins Auge zu sehen. Ich war immer überzeugt, dass meine Zeit noch nicht gekommen war.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein Casanova?

Anthony Kiedis: Glaube ich nicht. Ich selbst sehe mich jedenfalls nicht als den großen, unwiderstehlichen Verführer.

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Anthony Kiedis: Ich sehe überhaupt keinen Erfolg darin. Es ist ja keine geblieben, alle sind wieder weg. Von Erfolg bei den Frauen möchte ich da wirklich nicht sprechen. Everly ist mit Abstand der größte Erfolg, der je aus meinem Zusammensein mit einer Frau resultierte. Er ist das Einzige, was ich nach vielen Jahren eines aktiven Sexual- und Beziehungslebens auf der Habensseite verbuchen kann.