Philharmoniker

Sir Simon dirigiert Mahlers Siebte schonungslos genial

Man beginnt, an Gott und der Musikwelt zu zweifeln, wenn man das Programmheft der Philharmoniker zu ihrem Saison-Eröffnungskonzert liest. Wie da an Gustav Mahlers Siebenter Sinfonie, rund hundert Jahre nach ihrer Niederschrift, noch immer herumgerätselt wird, deckt ziemlich deutlich die Ahnungslosigkeit auf, mit der die Musikwissenschaft dem schöpferischen Geist gegenübersteht.

Dabei hätte man doch nur Sir Simon Rattles mitreißende Interpretation des Werkes hören müssen, um Mahler auf die kompositorischen Schliche zu kommen. Er schließlich hat sich das fünfsätzige, anderthalbstündige pausenlose Riesenwerk einfallen lassen.

Tatsächlich wartet die 7. Sinfonie Mahlers mit einigen Überraschungen auf. Sie schließt mit ihren beiden opulenten Rahmensätzen zusätzlich eine dreisätzige kleine Sinfonie ein, in der sich zwei "Nachtmusiken" mit einem schattenhaften Scherzo verbinden. Man hat die 7. Sinfonie prompt das "Lied der Nacht" getauft. Aus dieser vorgeblichen Nacht reißt Mahler dann mit dem Finalsatz seine Zuhörer buchstäblich an den Ohren heraus. Es setzt ein bis zur Atemlosigkeit aufbrausendes Donnerwetter, aus dem einige geisteswissenschaftliche Interpreten ironisierende Züge haben heraushören wollen, obwohl doch gerade Ironie Mahler von Grund auf fremd war.

Sir Simon scheint geradezu über den jungen Rattle von einst hinausgewachsen zu sein. Seine Interpretation hat an Größe der Anschauung gewonnen, an Unnachgiebigkeit, an tiefem Verständnis. Er lässt sein Orchester durchaus nicht aus Imponiersucht paradieren, sondern einzig und allein aus tief musikalischer Überzeugung, dass es zu klingen hat, wie er es fordert: schonungslos, größenwahnsinnig, genial. Mahler ist eben mit einem anderen Maßstab zu messen als dem der Herkömmlichkeit. Er fordert ein gnadenlos tiefes Hineinducken in die Musik, und das fordert Rattle auch seinen Musikern ab. Sie folgen ihm dabei in meisterlicher Eintracht, gleichgesinnt mit ihm bis zum letzten. So soll es sein. Jubel am Ende.