Interview

Kaputte Gebäude - kaputte Seelen

Die Regisseure Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben unter dem Titel "Dreileben" drei Filme gedreht, die allesamt von einem entflohenen Gefangenen handeln, der sich im Thüringer Wald versteckt.

Daneben erzählen sie von einer ersten Liebe, von Freundinnen, vom Entsprungenen selbst. Die Szenen greifen ineinander, das ganze Drama wird erst im Verbund der drei Werke greifbar. Die ARD zeigt die Filme am 29. August ab 20.15 Uhr. Holger Kreitling sprach mit den Regisseuren.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie auf den Thüringer Wald gekommen?

Christoph Hochhäusler: Wir haben uns zuerst überlegt, was der fiktive Ort können muss. Dann haben wir eine imaginäre Landkarte entwickelt, zuerst auf einer Serviette. Es gab einen Berg, viel Wald, es gab eine Autobahnbrücke, ein Hotel, ein Krankenhaus und Polizeibaracken. Wir haben einen Scout losgeschickt. Ich bin dann wegen einer Autobahnbrücke nach Suhl gefahren, die hat mir gefallen.

Dominik Graf: Das Haus, das wir brauchten, gab es in Suhl nicht, wir fanden es in Schmalkalden.

Hochhäusler: Und auch in Oberhof haben wir gedreht.

Christian Petzold: Das wird immer verwechselt mit Oberstdorf. Es war klar, dass unsere Geschichten so eine Türnähe zueinander haben. In Thüringen gibt es eine reiche Sagenwelt. In den Bergen wartet Kaiser Barbarossa auf die Wiederkehr. In den Geschichten öffnen sich Felsspalten, und etwas wird freigelegt. Ich dachte: Dies ist die richtige Gegend, wo zu drei horizontalen Geschichten das Vertikale dazukommt. Bei Dominik öffnete sich, kaum dass er den Ort verlassen hatte, prompt die Erde.

Berliner Morgenpost: Der Krater von Schmalkalden, der im November 2010 durch einen Erdrutsch entstand.

Graf: Da war die Vertikale zur Stelle. Ich bekam von überall Briefe, was wir denn da gemacht hätten.

Hochhäusler: Jemand hat gesagt, was die drei Filme verbindet, sei, dass sich das Verdrängte Bahn bricht. Das hat auch mit der Landschaft zu tun.

Graf: Diese Provinz hat unglaublichen Charme. Es herrscht Leere, es gibt Brachen, kaputte Gebäude, kaputte Arbeitswelt. Aus meiner Internatszeit weiß ich, wie man sich langweilen kann in strukturschwachen Gebieten.

Petzold: In Suhl gibt es das Alte neben dem Neuen. Vergammeltes Fachwerk und der Versuch eines H&M-Ladens Seite an Seite. So ähnlich kam mir die Gegend im Seelischen vor.

Graf: Ich finde auch die Autobahnbrücke schön. Ich will nicht die "armen Leute in der Provinz" zeigen. Wo DDR-Brachen in aller Grausamkeit sichtbar sind, empfinde ich Schönheit. Das ist so wie in der Bronx in den Achtzigerjahren, wo Freiflächen zu sehen waren, als wäre ein Krieg über die Landschaft gegangen.

Berliner Morgenpost: Sie haben im Vorfeld intensiv über Genretheorie und Film debattiert, sich auch scharf widersprochen. Daraus entwickelte sich das Projekt. Ist "Dreileben" nun Umsetzung oder Ergebnis?

Hochhäusler: So verknüpft ist das gar nicht. Wir haben uns unterhalten und gesagt, es wäre toll, wenn wir zusammenarbeiten könnten. Weil es Spaß macht und produktiv ist. Aber es werden nicht Thesen experimentell ausprobiert.

Petzold: Regie führen ist eine einsame Tätigkeit. Man hat eine Menge Leute um sich, die so tun, als wären sie Freunde. Aber man ist doch allein. Ich war stets mit Neid erfüllt, wie die Leute des Neorealismus, der Nouvelle Vague und des Neuen Deutschen Films miteinander gesprochen haben. Das ist bei uns verkümmert.

Graf: Vollkommen. Man hat sogar das Gefühl, es ist nicht erwünscht. Regisseure sollen zu Einzelkämpfern stilisiert werden, damit sie auch alleine den Druck des Systems spüren und nicht etwa Menschenketten bilden.

Berliner Morgenpost: Ist das Fernsehen das richtige Medium für drei solche Geschichten?

Graf: Ursächlich ist das Fernsehen das beste Medium dafür. Die Frage stellt sich nur, weil das Fernsehen sich selber entleibt, indem es sich durch Formate und Sende-Slots seiner besten Möglichkeiten beraubt. Was wir jetzt - erlaubt und gewünscht - machen, ist fast eine Art "altes" Fernsehen, das auch nach außen versucht, Diskurse zu beleben.

Hochhäusler: Die Sache ist riskant. Man kann nicht wissen, ob Leute sich diesen Abend gerne am Stück ansehen. Die meisten Fernsehfilme wollen dieses Risiko unbedingt vermeiden. Sie haben eine Vermeidungsästhetik.

Graf: Ich bin früher oft vorm Fernseher eingeschlafen. Entweder war beim Aufwachen Schnee zu sehen, wie in "Poltergeist". Oder es gab richtiges Spätprogramm. Die Filme waren anders. Unbekannter, wilder, verrückter. Godard lief auch damals nicht um 20.15 Uhr. Man hatte den Eindruck, das Fernsehen wird immer größer, je weiter es sich in die Nacht bohrt. Christophs Film "Eine Minute Dunkel" hat den Atem eines Nachtfilms. Wir waren brav dagegen. Man könnte auch mit diesem Film anfangen.

Hochhäusler: Nöö, nicht.

Graf: Diese Fixierung auf Formate machen solche Filme tot. Es wäre Quatsch, jetzt jeden Film um 20.15 Uhr so experimentell wie möglich zu machen. Man muss das ganze Programm ausdehnen.

Berliner Morgenpost: Sie haben erst bei der Premiere die drei Filme zusammen gesehen?

Graf: Das haben wir uns geleistet und fanden hinterher: völlig zu Recht.

Petzold: Das hätte der Seele des Projekts widersprochen, wenn jeder von uns zu Hause die Filme auf DVD gesehen hätte. Es war wirklich toll. Normalerweise kann ich Premieren nicht ertragen. Narzisstische Kränkungen - ich laufe immer raus. Zum ersten Mal habe ich das Publikum als aufmerksame Masse wahrgenommen. Nicht wir drei mit unserer Konzeption halten die Filme zusammen, sondern die Zuschauer.

Berliner Morgenpost: Haben Sie Blut geleckt, wollen Sie das Experiment "Dreileben" wiederholen?

Petzold: Ich schon.

Graf: Der Stolz, an so etwas teilgehabt zu haben, ist ein gutes Gefühl. Natürlich muss es anders sein. Das Dekonstruktive haben wir jetzt gemacht. Es darf nicht zu "klebrig" sein. Wir drehen jetzt unsere Filme möglichst in großer Nähe und gehen von einem Set zum anderen. Wenn dir ein Drehtag auf die Nerven geht, machst du eben meinen.

Hochhäusler: Es gibt die Gedankenspiele: Jeder verfilmt das gleiche Drehbuch. Aber man muss schon seinen eigenen Film machen.