Kunstsache

Wenn die Zivilisation aus den Fugen gerät

Kennen Sie eigentlich noch einen Künstler, der sich trauen würde, eine Prognose für die Zukunft abzugeben? Mir fällt spontan keiner ein. Denn die Kunst heute lebt augenscheinlich vom Blick zurück. Was ist wird immer verglichen mit dem was war.

Und früher war natürlich alles besser. Wie sehr wir die Vergangenheit und manchmal auch unsere eigene Nostalgie fetischisieren und damit zum Motor der zeitgenössischen Bildproduktion machen, kann man sehr schön an drei Ausstellungen sehen, die alle in dieser Woche eröffnet haben.

Da ist zum ersten Jörn Vanhöfens Ausstellung "Aftermath", was "Nachwirkung" bedeutet und damit das War-Ist-Spiel schon im Titel trägt. Vanhöfen ist durch die Welt gereist und hat Orte fotografiert, an denen die Zivilisation irgendwann in ihrer jüngeren Geschichte ein wenig aus dem Ruder lief. In der Galerie Kuckei & Kuckei blickt man etwa auf die alte Continental-Reifenfabrik in Detroit, die in einer der vielen Rezessionen der Automobilbranche einfach dichtgemacht wurde. Auf einem anderen Foto aus dem italienischen Carrara, wirkt das Haus des Aufsehers so verwittert wie der Steinbruch im Hintergrund, vor dem noch ein paar Bagger stehen. Und "Asok" (2010) beweist, dass Hochhäuser, die in Bangkok gerade gebaut werden, schon jetzt so schaurig apokalyptisch aussehen, dass man sie am liebsten abreißen würde. "Haben wir es mit unserer Gier nach Luxus nicht etwas zu toll getrieben in letzter Zeit?", scheint Vanhöfen zu fragen. Und aus dieser Frage heraus wundervoll melancholisch-poetische Bilder gemacht. (Bis 8. Oktober, Linienstr.158, Mitte)

Etwas irritiert hat mich, dass jetzt das Künstlerduo Nina Fischer & Maroan el Sani eine Anleitung zum richtigen Demonstrieren abgeliefert hat. Fischer & el Sani gehören zu den größten Nostalgikern überhaupt. Mit ihren Videofilmen und Fotografien erkunden sie gern ausgefallene und historische Bauwerke: Die alte Bibliothèque Nationale in Paris, die eiförmige Zentrale der Kommunistischen Partei Frankreichs (ebenfalls Paris), der Palast der Republik, als er noch stand. In der Galerie Eigen & Art sieht man jetzt Fotos des Künstlerduos aus Mussolinis Palazzo die Congressi in Rom. In den leeren Marmortempel haben Fischer & El Sani wütende italienische Studenten gebeten, die dort revolutionäre Gesten vorspielen: Sitzblockade, Menschenkette, gereckte Arbeiterfaust. Dazu will Eigen & Art noch einen öffentlichen Workshop unter dem Titel "Easy Aufstand" veranstalten. Protestieren als Kunstperformance? Vielleicht vermisst Galerist Judy Lybke ja auch einfach die Leipziger Montagsdemos. (Bis 22. August, Auguststr. 26, Mitte)

Gert und Uwe Tobias sind eigentlich mit ihrer Biografie immer ganz gut klar gekommen. Die Künstlerbrüder, die heute in Köln leben, wurden im rumänischen Siebenbürgen geboren. Ihre Holzschnitte waren auch ein Blick zurück: Sie wirkten wie eine Art transsylvanischer Folk-Pop, eine wilde Mischung aus Siebenbürger Dachbalkenornamentik, Kobolden mit Triefnasen, Dracula-Kitsch und Omas Kreuzstich. Ich mochte das, weil es nicht nur selbstironisch sondern auch sehr fantasievoll war. Jetzt allerdings wollen die Brüder mit aller Kraft ihre Vergangenheit hinter sich lassen, und plötzlich funktioniert es nicht mehr: In den neuen Bildern bei CFA gibt es zwar immer noch abgetrennte Schafsköpfe oder ausgeweidete Hasen, brummen Fliegen herum und glitschen Schnecken ihres Weges. Und doch sieht jetzt alles zu sehr nach klassischem Stillleben aus. Zu glatt, zu dekorativ, zu berechenbar auf Eindruck getrimmt. Klar muss man sich als Künstler gelegentlich neu erfinden. Aber dabei alle Wurzel auszureißen, ist keine gute Idee. (Bis 1. Oktober, Am Kupfergraben 10, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien