Serie: 100 Jahre Filmstudios Babelsberg, Teil 6

Neubeginn mit einem Euro

Gewöhnlich rufen Regisseure "Action", wenn eine Szene gedreht wird. Nicht so in dieser Nacht im Ehrenhof des Bendlerblocks. Wir schreiben den 14. Oktober 2007, hier am historischen Ort soll eine Schlüsselszene des Films "Operation Walküre" über das Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 gedreht werden.

Noch einmal, muss man sagen. Doch Regisseur Bryan Singer beginnt mit einer kleinen Andacht. "Dies ist ein sehr heiliger Platz", sagt er. Und bittet dann die gut 120 Mitglieder am Set um eine Schweigeminute für die Soldaten, die hier ihr Leben verloren.

Der Film scheint von Anfang an unter keinem guten Stern zu stehen. Als bekannt wird, dass ausgerechnet Tom Cruise, ein bekennender Scientologe, den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen soll, sprechen sich dessen Nachkommen dagegen aus. Die Drehgenehmigung für den Bendler-Block wird nicht erteilt, der damalige Verteidigungsminister, der dafür gar nicht zuständig ist, setzt sich persönlich dafür ein (obwohl hier vier Jahre zuvor ein TV-"Stauffenberg" gedreht werden durfte). Als Florian Henckel von Donnersmarck sich einschaltet und für Cruise Partei ergreift, entzündet sich eine obskure Debatte um die "Würde" jenes Ortes. Und Menschen, die zu schlichten suchen, sehen sich plötzlich in der Rolle von Scientology-Verteidigern. Weil die US-Produktionsfirma will, dass nichts nach außen dringt, wird das wenige, das doch nach außen dringt, aufgebauscht. "Walküre" wird das Sommerloch-Thema. Am Ende darf doch im Bendlerblock gedreht werden, doch im Labor erweist sich das Material als schadhaft. So muss der komplette Dreh noch einmal wiederholt werden.

Kein Film, der je in Berlin gedreht wurde, hat schon beim Dreh für so viel Aufruhr gesorgt. Komparsen verunglücken und verklagen die Produktion. Und nach Drehschluss wird der Starttermin wieder und wieder verschoben, als glaube keiner recht an den Film. Eine prekäre Situation für das Studio Babelsberg. Eine prekäre Situation für den Filmstandort Berlin. Die neuen Chefs sind da gerade mal drei Jahre im Amt. Und haben bereits Erfahrungen mit schlechter Presse gemacht.

Als die verschuldete Vivendi aus Frankreich sich aus Babelsberg zurückziehen will, stehen drei Bewerber auf der Liste: die NDR-Tochter Studio Hamburg. Der Babelsberg-Geschäftsführer Thierry Potok. Und ein Investorenduo aus München: Carl Woebcken, der eigentlich Maschinenbau studiert und dann, wie er selbst sagt, "einen Zickzack-Lebenslauf" absolviert hat, und Christoph Fisser, der Kasernen zu Discos umgewandelt hat. Die Außenseiter gelten als namen- und chancenlos. Und dann die Sensation: Für die symbolische Summe von einem Euro geht das Studio an die Münchner, dabei übernimmt Vivendi noch 18 Millionen an Verpflichtungen für die neuen Gesellschafter. Der Coup wird am 13. Juli 2004 gemacht, einen Tag vor dem französischen Nationalfeiertag. Vivendi denkt daher nicht an eine Pressemitteilung, die noch medienunerfahrenen Neuen auch nicht. So ist der Eklat perfekt: Alle werden von der Nachricht überrascht. Auch die Belegschaft vor Ort. "Viele haben uns nicht zugetraut, internationale Großproduktionen nach Babelsberg zu holen", sagt Woebcken heute in seinem Büro. "Die haben uns für verrückt erklärt." Schlimmer: Viele glauben, sie seien nur an der Immobilie interessiert, die sie nach einer Schonfrist verscherbeln.

Um zu beweisen, wie ernst es ihnen ist, bringen die neuen Chefs das Studio 2005 an die Börse. Und ein Jahr später kaufen sie zwei große Industriehallen neben ihrem Gelände an und können die Studiofläche damit fast verdoppeln. Mit 16 Studios und 25 000 Quadratmeter Studiofläche wird Babelsberg zum größten zusammenhängenden Studiokomplex in Europa. Babelsberg stellt aber nicht nur seine Studios zur Verfügung, sondern ist auch als ausführende Produktionsfirma beteiligt.

Anfangs ist es noch schwierig, die billigeren Konkurrenten aus Prag und Budapest auszustechen. Aber Babelsberg hat einen Trumpf in der Hand: Hier investiert man in eine Abteilung, die bei den meisten Anbietern längst abgebaut wird: das Art Department, das sich um Kostüm- und Szenenbild kümmert. Das Art Department wird zu einem Aushängeschild, zur Visitenkarte von Babelsberg.

Die Chefs haben Glück. Während Vivendi noch 20 Millionen Verlust im Jahr gemacht hat, können die beiden gleich im ersten Jahr schwarze Zahlen schreiben. Und dann gründet der Bund 2007 den Deutschen Filmförderfonds. Eine Maßnahme, um den Filmstandort Deutschland zu sichern, wobei gut zwei Drittel des Fonds dem Filmstudio zukommen, weshalb nicht wenige von einer "Lex Babelsberg" sprechen. Und die Amerikaner kommen. Woebcken und Fisser gelingt, wovon Volker Schlöndorff nur träumen konnte: Babelsberg ist wieder, wie zuletzt in den zwanziger Jahren, eine echte Konkurrenz für Hollywood. Und eine beliebte Ausweichstation für die Amerikaner. Aber just in diese Aufbruchstimmung fällt die "Operation Walküre" und scheint alle Aufbauarbeit zu zerstören.

Am Ende kommt "Walküre" dann doch in die Kinos. Er verändert nicht den Blick der Deutschen auf die Geschichte, wie Cruise-Intimus Frank Schirrmacher behauptete, ist aber noch nicht der Flop, den viele vorhergesehen haben. Er erhält nicht eine einzige Oscar-Nominierung. Dafür wird eine andere Babelsberg-Produktion gleich vier Mal nominiert: "Der Vorleser". Kate Winslet gewinnt als beste Schauspielerin und zupft sich vor allen Kameras am Ohr, als kleines Dankeschön für Babelsberg, wie sie vorab verlauten ließ.

Dieses eine Ohrzipfeln entschädigt für alle "Walküre"-Nöte. Und dann kommt eines Tages ein Amerikaner auf das Gelände und macht den Papst. Er küsst zwar nicht den Boden, aber geht doch auf die Knie und berührt die Scholle. Hier wandelte Marlene Dietrich, schwärmt er, hier waren Fritz Lang und G.W. Pabst tätig, seine Idole. Der Mann ist Quentin Tarantino, er dreht hier "Inglourious Basterds" und beschert den Studios einen weiteren Hit.

Eine Straße für Quentin Tarantino

Das Studio dankt es ihm. Erstmals wird hier eine Straße nach einem noch lebenden Künstler benannt. Die Quentin-Tarantino-Straße ist gleich die erste Querstraße nach dem Eingangsportal. Denn Tarantinos Verneigung hat auch für die neuen Herren Symbolwert: "International", sagt Woebcken, "hat Babelsberg ein viel größeres Standing als in Deutschland." Roland Emmerich hat hier gerade "Anonymous", seinen ersten deutschen Film seit 20 Jahren gedreht, mit "Die drei Musketiere" kommt nächste Woche eine weitere Babelsberg-Großproduktion ins Kino, und mit "Wolkenatlas" drehen die "Matrix"-Macher Andy und Lana Wachowski bereits ihren vierten Film hier.

Die Stars, sie kommen gern hierher. "Wir profitieren davon, dass Berlin so hipp ist", gibt Woebcken zu. "Wir haben aber auch unseren Teil daran, dass Berlin so hipp ist." Und, kleine Notiz am Rande: Das militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden hat sich vom Art Department einen Nachbau des Bendlerblocks besorgt. Selbst das Ministerium, das einst das Drehverbot erwirkte, rekurriert sich jetzt auf die Studios.