Konzert

"Das Publikum singt immer gern"

Eine Diva ist Annette Dasch keinesfalls, aber ein Original irgendwie schon. Die Berliner Wagner-Sängerin, die gerade bei den Bayreuther Festspielen gefeiert wird, hat sich auch jenseits des Opernbetriebs einen Namen gemacht.

Ihre musikalische Plauderrunde namens "Dasch-Salon" im Radialsystem ist populär geworden und hat es bis ins Fernsehen geschafft. Heute will die schlagfertige Sängerin in der Waldbühne eine Chornummer einstudieren, kurz bevor Tanzikone Sasha Waltz die Purcell-Oper "Dido & Aeneas" aufführt. Volker Blech sprach mit der Sopranistin.

Berliner Morgenpost: Frau Dasch, mit Tausenden Besuchern wollen Sie eine Chorszene aus "Dido & Aeneas" einstudieren. Wie müssen wir uns das praktisch vorstellen?

Annette Dasch: Daran arbeite ich gerade noch fieberhaft. Aber es ist ein relativ leichter Chor, und ich werde ihn nicht mehrstimmig, sondern nur die Melodie einstudieren. Die ist eingängig. Wahrscheinlich werde ich Leute, wenn sie ab 18 Uhr in die Waldbühne kommen, schon in kleineren Grüppchen zusammen nehmen und vorab üben.

Berliner Morgenpost: Haben Sie keine Angst, dass sich das Publikum peinlich berührt verweigert?

Annette Dasch: Nee, das Publikum singt immer gerne. Je mehr Leute zusammen kommen, desto schneller und leidenschaftlicher singen sie.

Berliner Morgenpost: Es wird also so eine Art Fischer-Chöre?

Annette Dasch: Naja, ich habe ein anderes Beispiel. In Estland treffen sich immer Zigtausende Menschen zum Sängertreffen. Die Tradition stammt in Estland noch aus deutscher Zeit, die singen dann Brahms' Volkslieder. Ich dachte mir, das steckt auch noch in uns drin.

Berliner Morgenpost: Was passiert, wenn das Publikum in der folgenden Aufführung der Purcell-Oper plötzlich mitsingt?

Annette Dasch: Wenn ich Jochen Sandig als Veranstalter richtig verstanden habe, ist das absolut erlaubt. Es ist eine einzige Chornummer.

Berliner Morgenpost: Sie sind das Vorprogramm und stehen für das fünfjährige Jubiläum des Radialsystems. Ihr dortiger "Dasch-Salon" ist überraschend erfolgreich. Warum eigentlich?

Annette Dasch: Das Radialsystem hat sich dem Anliegen verschrieben, niederschwellig Hochkultur anzubieten. Wobei es nicht um leichte Muse geht, sondern darum, den Leuten den Zugang zur Klassik zu erleichtern. Die Karten sind bezahlbar, man muss sich nicht extra schön anziehen, jeder Neugierige kann einfach vorbeikommen. Im "Dasch-Salon" verkaufen wir den Leuten Herzstücke der Hochkultur, ohne dass es gleich Beklommenheitsgefühle auslöst. Es ist mehr als ein Konzert, es ist Stimulation, Teilnahme.

Berliner Morgenpost: Reicht es Ihnen als Sängerin nicht, Ihre Seele in der Oper zu verkaufen?

Annette Dasch: Ich verkaufe meine Seele nicht, und schon gar nicht in der Oper. Die ist doch eher dafür geeignet, die Seele zu verstecken. Immer wieder schlüpft man in eine andere Rolle. Im Opernbetrieb ist die Seele durch ganz viele Farbscheiben bedeckt. Im Liederabend zeigt man viel mehr von seinem Ich.

Berliner Morgenpost: Tanzchefin Sasha Waltz hat in der Waldbühne auch für vegetarische Picknickkörbe gesorgt. Für eine Wagner-Sängerin kaum vorstellbar. Bitte, was ist Ihr Statement zu einer gesunden Ernährung?

Annette Dasch: Eigentlich kann man heutzutage als denkender Mensch kein Fleisch mehr essen. Es geht nicht nur um die gesunde Ernährung, sondern auch darum, wie die Nahrungsmittelindustrie mit der Natur umgeht. Aber ich liebe es Fleisch zu essen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal, darauf zu verzichten.

Berliner Morgenpost: Einen neuen Typ Darsteller bevorzugt Sasha Waltz für ihre Opernproduktionen, der soll gleichsam singen wie tanzen können. Ist das real für den heutigen Opernbetrieb?

Annette Dasch: Ja, absolut. Ich habe das Gefühl, die Oper entwickelt sich gerade in eine Spaltung hinein. Es sind zwei extreme Richtungen. Durch das so genannte Regietheater gibt es wieder eine starke Gegenbewegung. Die Leute haben wieder Lust auf Geschichten in alten Ritterkostümen, mit herumstehenden Sängern. In der Wiener Staatsoper sind Neuinszenierungen zu sehen, die wieder so richtig schön sind, wie sie früher einmal waren. (lacht) Die andere Richtung wird immer spezialisierter, deren Darsteller können unglaubliche Dinge gleichzeitig tun und begreifen das auch als ihr Berufsethos. Ich würde viel dafür geben, einmal mit Sasha Waltz eine Oper zu machen.

Berliner Morgenpost: Als Sängerin sind Sie ganz oben angekommen. Was hat sich in Ihrem Leben, außer dass Sie vom Prenzlauer Berg nach Charlottenburg umgezogen sind, verändert?

Annette Dasch: Meine eigene Wahrnehmung ist nicht so, dass ich mich hinsetze und sage: Mensch, du hast es richtig geschafft. Ich arbeite doch genau wie früher. Es kommen Stücke auf mich zu und ich reise an verschiedene Orte. Und es geht immer um höchste Qualität.

Berliner Morgenpost: Sie machen mittlerweile so viele andere Sache, dass man annehmen muss, der gängige Opernbetrieb nervt Sie?

Annette Dasch: Ja. Ich arbeite gern, wenn ich das Gefühl habe, dass alle an einem Strang ziehen. Dass es eine ganz starke künstlerische Linie gibt, ein Konzept, eine Botschaft. Alle müssen dahinter stehen, egal, ob sie alles bis ins Detail begreifen. Aber in der Oper gibt es oft Einspringer oder Leute, die mit einem ganz anderen Verständnis singen. Darunter sind sogar tolle Leute, aber es geht es ihnen oft nur um die Selbstdarstellung, so was nervt mich. Für mich bedeutet es, dass das inhaltliche Niveau nach unten gezogen wird.

Berliner Morgenpost: Im letzten Jahr haben Sie sogar einmal die TV-Talkrunde "3 nach 9" mitmoderiert. Was würden Sie nie tun?

Annette Dasch: Ich würde nicht zu Johannes B. Kerner gehen. Die Sendung finde ich schrottig, weil mir darin alles abgesprochen vorkommt. Da gibt es keinen echten Austausch. Das ist bei Giovanni di Lorenzo anders, der viel offener für die Antworten ist und will, dass sich die Gäste authentisch äußern. Darüber hinaus würde ich niemals einen konzeptionslosen Arienabend in der Waldbühne oder in irgendeinem Fußballstadion geben. Und ich würde keine Werbung machen für Dinge, die nichts mit Musik zu tun haben oder zumindest ökonomisch korrekt sind.

Berliner Morgenpost: Hier unterbrechen wir, Sie haben offenbar eine lange Liste, was Sie nicht wollen.

Annette Dasch: Ja, das kann sein.

Berliner Morgenpost: Dagegen werden Sie sich im Konzerthaus am Gendarmenmarkt im Oktober in der neuen Sängerreihe "Ein Abend mit..." präsentieren. Ist es eine Art "Dasch-Salon" oder machen Sie etwas Neues?

Annette Dasch: Es ist ein Liederabend im weitesten Sinne. Und ich werde mit Worten ein wenig durch den Abend leiten. Aber das ist kein "Dasch-Salon", bei dem die Leute mitsingen können. Obwohl, mal sehen, was sich noch ergibt.

Berliner Morgenpost: Sie sind Jahrgang 1976. Wann werden Sie in bester Sopranistinnen-Tradition Ihr Alter nicht mehr nennen wollen?

Annette Dasch: Ist das nicht altmodisch? Das Alter wissen doch sowieso alle. Und ehrlich gesagt, empfinde ich das Älterwerden als etwas ganz Schönes. Ich finde, mein Leben wird mit jedem Jahr besser.

Berliner Morgenpost: Sie sind gerade auch viel gefragt: Gestern war es die Elsa in Bayreuth, heute der Waldbühnen-Chor, was kommt morgen?

Annette Dasch: Dann fliege ich nach Helsinki für einen Liederabend.