Friedrich Luft

Die erste, wilde Theatererfahrung

Der Saal kochte. Türen knallten. Tumult auf dem Rang. Und mitten drin ein staunender Knabe im Sonntags-Matrosenanzug. Es war sein erster Theaterbesuch. Er genoss das Getümmel! Aber der Vater, fluchend, riss den Kleinen von seinem Sitz und stürmte mit ihm aus dem Haus.

Im Staatlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt war im Dezember 1919 der Bühnen-Expressionismus ausgebrochen. Leopold Jessner inszenierte den "Wilhelm Tell": Kein See, kein Wald, keine hohle Gasse - nur eine die Bühne füllende Treppe. Das Publikum war geschockt, die Kritiker begeistert. "Dass ich später Theaterkritiker werden sollte", bekannte der kindliche Premierenbesucher nach Jahrzehnten, "schreibe ich noch heute auf diese erste wilde Theatererfahrung zurück."

Der Knabe hieß Friedrich Luft, am 24. August 1911 geboren, aufgewachsen in Berlin-Friedenau, der Vater Studienrat, die Mutter eine gebürtige Schottin. Seine Lehrer am Friedenauer Gymnasium, stramm konservativ, setzten eher auf "Knallschote als auf pädagogische Ausführlichkeit" (Luft). Aber am Ende der Schulzeit kannte man seine Dichter, zumal der Vater vor jedem Theaterbesuch die Lektüre des Stückes verlangte.

Berlin war Theater-Hauptstadt - 50 Bühnen, unzählige Kabaretts und die Möglichkeit, das eigene Urteil an den Kritiker-Koryphäen Kerr, Jhering und Polgar zu messen. Luft studiert Germanistik, Geschichte, Englisch und hört bei Max Herrmann Theatergeschichte. Er ist bühnenverliebt. Gegen die Nazis bleibt er immun, klebt nach der Machtübernahme ein paar selbstgebastelte Anti-Hitler-Flugblätter und schlägt sich nach einer Keilerei mit SA-Studenten mit dem Schreiben unpolitischer Feuilletons durch. Glücklicher als andere seiner Generation bleibt ihm die Front erspart. Für die Heeresfilmstelle dreht er Filme über die Gasmaske bei Mensch und Pferd. So kann er in Berlin überleben.

Gift für das Mikrophon

Es waren die Bedrückungen der Nazizeit, die Friedrich Luft zu einem begeisterten Freiheitsverfechter machten. Zeitlebens kämpfte er für das freie Wort und gegen ideologische Fesseln. Als er 1945 von einem russischen Rundfunk-Offizier gebeten wird, die Kritik eines Sowjetfilms zu entschärfen, weiß er, dass der Ost-Berliner Rundfunk für ihn nicht der richtige Platz ist: "Ich wollte mir nicht schon wieder den Mund verbieten lassen. Ich zog Leine." Luft wird Kulturredakteur bei der von den Amerikanern herausgegebenen "Neuen Zeitung" und übernimmt 1946 beim Rias die "Stimme der Kritik", wobei er auch hier sein Manuskript erst mal wieder einpackt, nachdem ihm bedeutet wird, seine "Art zu reden sei für das Radio unmöglich", zu schnell, zu hastig, kurzum Gift für das Mikrophon. So aufregend war das Theater, dass es den Kritiker atemlos machte. Offenbar aber lag einem der aufsichtsführenden Amis daran, die Tonlage des Rias aufzufrischen und so bekam Luft doch noch den Job, der ihn und seine "Stimme der Kritik" zur Legende machte. "Gleiche Stelle, gleiche Welle, herzlich auf Wiederhören" - das war jeden Sonntag sein Abschiedsgruß und wurde zum geflügelten Wort.

Während der Kalte Krieg die Kulturkontakte zwischen West und Ost immer stärker vereist, wird Luft zum prominentesten Vermittler zeitgenössischen Theaters - auch in der DDR. Bis zum Mauerbau finden die Berliner Morgenpost und die "Welt", deren Chefkritiker er ist, als Konterbande noch den Weg über die Sektorengrenze, und nach dem 13. August 1961 kann jeder über den Rias hören, wie er mit Berliner Witz und höchstem Sachverstand ausländischen Autoren den Weg ebnet, das Bühnenpersonal lobt ("Man hätte Sie küssen mögen!"), Inszenierungen preist ("Habe mich amüsiert wie Bolle!") oder sich vor den Schauspielern niederwirft: "Er spricht wie ein Gott!" Luft ruft Emigranten wie Kortner, Elisabeth Bergner und Ernst Deutsch zurück an die Berliner Bühnen, setzt sich für das absurde Theater Becketts ein, begleitet die "Schaubühne" mit Wohlwollen - wo sie künstlerisch neue Wege geht. Und er findet in Peter Stein sein Regie-Idol.

Sein Leben lang betrachtet der Mann mit dem Arbeitsplatz fünfte Reihe rechts außen seinen Beruf als ein "herrlich demokratisches Dienstgewerbe", das den "interessierten Apotheker in Lichterfelde" ebenso wie den "Schuster in Schöneberg" für das Theater begeistern soll. Mit seiner Leidenschaft für die Bühne wollte er anstecken. Und es gelang, denn er beherrschte wie kein anderer des "Kritikers schönste und sicher auch schwerste Aufgabe", dem Publikum "Lust zu machen" und es dann "in pro und contra bei der Stange zu halten". Am Heiligen Abend 1990 starb Luft. Seine Arbeit, bekannte er vergnügt, habe ihm stets "viel Spaß" bereitet. Auch dem Publikum. Das hat sein leidenschaftliches Urteil, sein Tempo und seinen Witz genossen - und nie vergessen.

Morgenpost-Autor Professor Ernst Elitz war Rias-Redakteur und von 1994 bis 2009 Gründungsintendant des Deutschlandradios. Er ist Mitglied der Jury des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost.