Warten auf Godot

Wie sich Beckett und Luft bei Mampe anschwiegen

In einem Artikel zum 70. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett erinnerte sich Friedrich Luft an eine Begegnung mit dem Dramatiker gut zwanzig Jahre vorher.

Luft wollte seinerzeit unbedingt den Autor des Stückes "Warten auf Godot" kennenlernen, das im Herbst 1953 im Schlosspark-Theater als deutsche Erstaufführung herausgekommen war. Die beiden trafen sich bei "Mampe" am Kurfürstendamm. Wir drucken Auszüge aus dem Morgenpost-Artikel vom 11. April 1976.

"Sein wunderbares Gesicht ist das eines Einsiedlers, eines bitteren Propheten. Er predigt, obgleich er zu den Predigern gar nicht gehört, Schreckliches, gab den Menschen die denkbar schlimmsten Visionen ihrer Hilflosigkeit, des Sterbens, des Absterbens, des Todes bei noch lebendigem Leibe. (...) Und ist zugleich doch einer der größten Humoristen, die die Weltliteratur je kannte. (...)

Was weiß man von ihm? So gut wie nichts. Er kapselt sich ab. Ein Gegenstand des allgemeinen Interesses, wehrt er jede Annäherung oder private Auskunft streng ab. Er hat nie, was er schrieb, selbst kommentiert oder die Rätselhaftigkeit seiner Erfindungen zu enträtseln geholfen. Er ist eine Figur der Abweisung, die unzeitgemäßeste Erscheinung, die heute denkbar wäre.

Einmal habe ich ihn getroffen. Das war, nachdem im September 1953 Karl-Heinz Stroux die deutsche Erstaufführung seines düsteren Clowns-Spiels "Warten auf Godot" im Schlosspark-Theater präsentiert hatte. Wir waren bestürzt, waren betroffen, waren ratlos. Ich wollte den Mann, der etwas auf so faszinierende Weise Fürchterliches erfunden hatte, sehen, ihn selber sprechen, womöglich befragen.

Er wartete auf mich bei "Mampe" am Kurfürstendamm. Man kannte sein Bild damals noch nicht. Ich erkannte ihn sofort. Er sprach das Wenige, das er sagte, in einem schönen, weichen, melodiösen, irischen Englisch. Die Aufführung fand er ganz falsch. Sie sei zu triste, viel zu derb, zu sehr darauf angelegt, eine Weltanschauung, einen "Sinn" zu beweisen. Das aber sei falsch. Das Stück sei nur ein Spiel - keine These. Viel mehr sagte er nicht.

Ich versuchte, in ihn zu dringen. Er wehrte ab. Er schwieg höflich, ließ meine Fragen unbeantwortet fallen. Dann schwiegen wir beide. Konversation war bei ihm unmöglich. Wir sahen auf die Straße. Einmal sagte er etwas auf Deutsch, erinnerte sich an Fontane in Berlin, zitierte Fontane. Dann schwieg er wieder. Aber ich kann mich an keine Unterhaltung erinnern, die aufregender gewesen wäre als diese fast wortlose Stunde bei (ausgerechnet!) "Mampe".

Ich sah langsam wie mit seinen Augen, hörte wie mit seinen Ohren. Der bewegte Kudamm - plötzlich wie ein eitler, grotesker Totentanz. Er teilte sich und das, was er vor seinen hellen, klugen traurigen Augen sah, auch wortlos mit. Er lächelte sogar.

Dann ging er, sich aufs höflichste verabschiedend, davon. Ich habe kaum eine anregendere Stunde meines Lebens verbracht. Einer hatte sich mitgeteilt, ohne zu sprechen. Das Genie erklärt sich nicht. Aber wir hatten uns, glaube ich, wortlos verstanden. Diese Begegnung bleibt mir unverlierbar. Sie war warm, einverständlich, war fast freundschaftlich, obgleich merkbar gar nichts passiert war. Das ist unvergessbar."