Interview mit Horst Pillau

"Es herrschte eine Stimmung wie auf einem gehobenen Bockbierfest"

Horst Pillau zählt zu den bekanntesten Bühnen- und Fernsehautoren Deutschlands. Der 79-Jährige lebt seit 1934 in Berlin, nach dem Krieg arbeitete er beim Rias und begegnete dort auch Friedrich Luft. Mit Horst Pillau sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie "Die Stimme der Kritik" erstmals gehört?

Horst Pillau: Gleich am Anfang. Ich war Mitte 1948 beim Rias und habe sofort Friedrich Luft mitgekriegt. Der war eine Instanz für mich, eine sehr hohe für meine Arbeit, und eine Institution. Das hieß also: Sonntags um 11.45 Uhr war tabu für alles andere, ob Verlobung, Heirat oder Ausflug.

Berliner Morgenpost: Da saßen Sie vor dem Radio?

Horst Pillau: Da musste man den Rias hören, gleiche Stelle, gleiche Welle. Er war mir schon als Konsument vertraut und ab 1960 dann auch als Kritiker meiner Stücke. Das erste war das "Fenster zum Flur", gemeinsam mit Curth Flatow geschrieben. Inge Meysel und Rudolf Platte spielten die Hauptrollen im Hebbel-Theater. Flatow und ich standen in der Pause im Foyer, da kam Friedrich Luft vorbei. Er sagte: "Hier stehen mir zu viele Autoren rum!"

Berliner Morgenpost: Und ging weiter?

Horst Pillau: Ja, Luft hat sich niemals mit Regisseuren, Schauspielern, Autoren gemein gemacht oder mit ihnen Cliquen gebildet. Er ist nie zu Premierenfeiern gegangen und hat keine privaten Freundschaften mit Stars gepflegt. Er wollte unabhängig sein.

Berliner Morgenpost: Und ging auch allein in die Premiere?

Horst Pillau: Ich habe seine Frau nie im Theater gesehen.

Berliner Morgenpost: Bei Nachfragen soll er geantwortet haben: Der Postbote nimmt seine Frau auch nicht mit, wenn er die Post austrägt.

Horst Pillau: Könnte er gesagt haben, aber ich hätte mich nicht getraut, ihn danach zu fragen. Luft war ein ganz begeisterter Theaterbesucher. Er ist mit hohen Erwartungen ins Theater gegangen, hat sich auf die Vorstellung gefreut. Er ist nie in der Absicht gekommen, zu vernichten, zu verreißen. Wenn er es aber tun musste, also negativ über eine Aufführung zu sprechen, dann hat man die Betretenheit, die Trauer darüber gemerkt. Er hat unter schlechten Inszenierungen oder Stücken gelitten.

Berliner Morgenpost: Ähnlich wie das Publikum.

Horst Pillau: Er hat immer die Stimme des Publikums erwähnt. Immer. Die Reaktion, ob Lachen oder Zurückhaltung, ob es Buhrufe gab oder das Publikum in der Pause abgewandert ist. Das ist für mich die wichtigste Information einer Theaterkritik. Luft hat die immer geliefert.

Berliner Morgenpost: Wissen Sie noch, wie Luft ihre erste Premiere besprochen hat?

Horst Pillau: Warten Sie einen Moment, ich hole den Text. (Liest vor) "Andauernd knallt es. Uraltwirkungen des Pantoffeltheaters werden betätigt, das jetzt das Taschentuch der Rührung unverdrossen sich nässt und gleich die Leute sich wieder scheckig lachen. Im Theater herrschte bald eine Stimmung wie auf einem gehobenen Bockbierfest. Das Hebbel-Theater hat solange das Volksstück, das Theater in Hemdsärmeln gesucht, also bitte."