Dissidentenliteratur

Liao Yiwu macht das Gedicht zur Waffe

"Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht!", brüllt Liao Yiwu. Der chinesische Autor steht als freier Mann auf der großen Bühne des 11. Internationalen Literaturfestivals in Berlin. Das ist nicht selbstverständlich. Er schreit laut und wimmert leise, streichelt, schüttelt und schlägt den alten chinesischen Rechenschieber, den er dabei fest in den Händen hält.

Yiwu liest eine Stelle aus "Massaker", seinem Gedicht für die Opfer des 4. Junis 1989 auf dem Tiananmen-Platz. Es ist ein Gedicht wie eine Waffe. Verbale Kopfschüsse hageln auf das chinesische Regime ein, wie jetzt auf das Berliner Publikum. "Erwürgt die Freiheit und stillt eure Sucht.", heißt es darin. Das "Massaker" ist ein Treffer ins Herz einer Nation und mitten ins Gesicht eines Unrechtsregimes.

Für diese Kritik versenkten ihn die Behörden vier Jahre in einen Gulag. Yiwu wird im Gefängnis bedroht und gefoltert. Mundtot sollte er gemacht werden - ein Veröffentlichungsverbot wurde über ihn verhängt. Liao Yiwu hat seinen Stifte nicht weggelegt sondern gespitzt. In seinem neuesten Werk "Für ein Lied und hundert Lieder", das in Berlin Weltpremiere feiert, stemmt er sich wieder dagegen, schreibt poetisch und dokumentarisch über seine Zeit im Gefängnis und macht sich zum erneut zum Staatsfeind.

Insgesamt vier Jahre saß Liao Yiwu nach dem "Massaker" im Gulag, wurde bedroht und gefoltert. Bereits zweimal wurde Yiwus Manuskript über seine Erfahrungen im chinesischen Gefängnis beschlagnahmt. Dreimal musste der Autor von vorne beginnen. Damit sein dritter Entwurf erscheinen konnte, musste Yiwu die Volksrepublik verlassen. Er ist sich unschlüssig, ob er nach der Verkündigung seiner hundert Lieder jemals zurückkehren kann.

Liao Yiwu kann erst nach seiner Flucht ins deutsche Exil frei lesen und reden und schreiben. "Jetzt ist alles in Ordnung, jetzt bin ich in Berlin", sagt er. Der Schriftsteller ist in Deutschland vor allem für sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" bekannt. Deshalb sind viele Menschen in die Berliner Festspiele gekommen, um ihm zuzuhören. Bevor der "große Irre", wie er in China nach seinen Nervenzusammenbrüchen und Selbstmordversuchen genannt wird, auf die große Bühne der "Berliner Festspiele" tritt, haben erst einmal andere ihren Auftritt.

Nachdem ein kluger Herr mit Hornbrille, Professor Ulrich Schreiber, Leiter des Literaturfestivals ganz ohne eigene Vorstellung Liao Yiwu begrüßt und die Wichtigkeit seiner Anwesenheit erläutert, tritt eine Frau auf hinters Rednerpult, die sich ebenfalls nicht vorstellen muss und das auch weiß.

Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller nimmt die Bühne laut Moderator Tilman Spengler "wie ein Schachtelteufelchen" ein. Sofort verdeutlicht sie, dass im Falle Liao Yiwu versucht werde, das Schreiben an sich zu zähmen. Indem Yiwu aber die Drohung des Polizeistaates, wieder ins Gefängnis zu kommen hinnehme und ununterbrochen versuche, sein Buch zur Veröffentlichung zu bringen, habe er sich über die Schranken des Regimes hinweggesetzt und musste dafür den Verlust der Heimat akzeptieren.

Yiwu selbst tritt als direkter Kontrast zu Müllers dynamischen Abgang auf. Fast lautlos schreitet er über die Bühne, greift sich die Klangschale und bearbeitet sie mal schnell mal langsam mit einem Metallstab. Der dumpfe Ton verbreitet sich beruhigend und stimmt das Publikum auf das Kommende ein. Unverständlich die Worte, aber die Emotion ist erfassbar. Immer lauter wird Yiwu, schüttelt den entfremdeten Rechenschieber, sein Gesicht verzerrt sich zu einer wütenden Maske.

Yiwu sagt später in der Diskussion, dass er im Gulag vergessen habe, wie es wäre zu singen. Dann traf er während der Haft einen Meister, der ihm das Flötenspiel beibrachte. Er hätte dann zu ihm gesagt: "Du denkst, Dir geht es im Gefängnis so schlecht. Aber die Menschen draußen sind ebenfalls in einem Gefängnis, das nur größer und unsichtbar ist. Wir dagegen sind in ein sichtbares Gefängnis gesperrt. Aber trotzdem kannst Du hier in Freiheit leben."