Thriller "Radikal"

Der unerklärte Bürgerkrieg

Eigentlich ist der Fall klar. Nach einer Serie von Morddrohungen fällt der Bundestagsabgeordnete Lutfi Latif, den manche Journalisten schon als deutsche Antwort auf Barack Obama verstanden wissen wollten, im Berliner Regierungsviertel einem Terroranschlag zum Opfer.

Neben dem Hoffnungsträger kommen weitere acht Menschen bei der Explosion ums Leben. Alle Hinweise deuten auf ein Attentat islamistischer Terroristen hin. Sie hatten den charismatischen Politiker mit ägyptischen Wurzeln ins Visier genommen, weil er ihrer martialischen Interpretation des Islam widersprochen hatte - und weil er dabei war, die Ideen von westlicher Demokratie und islamischer Religion nicht nur mit intelligenten Reden, sondern auch durch sein persönliches Beispiel im öffentlichen Diskurs miteinander zu versöhnen.

Aber natürlich ist in einem guten Polit-Thriller nichts so, wie es zunächst scheint. Und das Romandebüt des Journalisten und Terrorexperten Yassin Musharbash ("Radikal", Kiepenheuer, 14,99 Euro) ist ein verdammt guter Polit-Thriller - und nebenbei auch noch eine exzellente Nahaufnahme der Hauptstadt und ihrer Phänotypen. Was dem britischen Erfolgsautor John Le Carré 1968 mit seinem fünften Buch "A small town in Germany" als Porträt über Bonn gelang, schafft Musharbash nun scheinbar mühelos mit "Radikal": Er führt uns das Psychogramm einer verunsicherten Republik so hautnah und präzise vor Augen, das wir manchmal nicht wissen, ob sein Buch die Fortsetzung der "Tagesschau" mit prosaischen Mitteln ist - oder nur realistische Fiktion. Der Vergleich von Altmeister Le Carré mit dem 35-jährigen Debütanten Musharbash mag hoch gestochen klingen, doch er ist berechtigt. Er ist ein exzellenter Kenner der islamistischen Terrorszene und hat viele arabische Länder bereist. John Le Carré lobt den Erstlingsroman nun höchstpersönlich ("Ich glaube, dieses Debüt wird ein Triumph").

Die beiden Autoren sind gut miteinander bekannt, Musharbash stand Le Carré bei seinem Roman "A most wanted man" beratend und recherchierend zur Seite. Darüber hinaus hat Musharbash offensichtlich nicht nur alle Romane von Le Carre gelesen, bevor er selbst zu Werke ging - er hat vor allem auch verstanden, wie sie funktionieren: Es geht nicht darum ob der Plot, den man verfolgt, schon mal genau so passiert ist. Es geht darum, ob er so passieren könnte. Ob es die Leute, die da Seite für Seite ineinandergreifen, gibt oder geben könnte, ob die politischen Diskurse so laufen, wie eben beschrieben.

Das Panoptikum von "Radikal" besteht aus Politikern, Journalisten, Bloggern, Rechtsanwälten, Staatsekretären, Geheimdienstleuten und Studentinnen. Sie bevölkern Berlins Parallelgesellschaften, parlieren konspirativ in den einschlägigen Cafes Unter den Linden, flirten abends am Prenzlauer Berg im Prater, arbeiten tagsüber beim Bundesnachrichtendienst in Treptow oder auch im Internet-Cafe in Neukölln und versuchen nach Feierabend ihre Ehe zu retten.

Doch hinter diesen akkurat gezeichneten großstädtischen Fassaden lauert immer der Topos des unerklärten Bürgerkriegs. Da grassieren Selbstzweifel und Überfremdungsängste, da sortieren sich Ressentiments in Zehlendorfer Salons in geheime Kommandosachen, die Figuren, die über die Berliner Bühne laufen, sind nie schwarz-weiß gezeichnet. Es gibt zwar Gute, weniger Gute und Böse - doch selbst die Finsterlinge haben ihre nachvollziehbare Geschichte.

So beschreibt "Radikal" nicht nur die Geschichte eines keineswegs unrealistischen Attentats und dessen überraschende Aufklärung, die einem nach dem Massaker von Utöya und Oslo den Atem verschlägt. "Radikal" ist auch eine Bestandsaufnahme der deutschen Integrationsdebatte im Jahre Eins nach Sarrazin. Wenn man will, hat Musharbash eine romanhafte Gegenrede geschrieben, die vollkommen ohne beleidigte Attitüde auskommt. Denn ob Deutschland sich abschafft oder nicht, hängt auch davon ab, ob die Islamversteher und Islamverdreher aus ihren Schützengräben zueinander finden. Die gefährlichsten Gegensätze, so Musharbashs Botschaft, verlaufen nicht zwischen Islam und Christentum - sie liegen in der Feindschaft von Radikalen aller Art im Kampf gegen die offene Gesellschaft. Lutfi Latif wäre uns in dieser Diskussion eine große Hilfe gewesen. Leider überlebt er nicht einmal das erste Drittel des Buchs. Das schreit nach einem Prequel. Über diesen Kerl wüssten wir gerne alle ein bisschen mehr.

"Ich glaube, dieses Debüt wird ein Triumph."

John LeCarré