Cellistin Rachel Helleur

Allein unter Männern

"Alle haben mir von diesem fantastischen Erlebnis, von der einzigartigen Atmosphäre vorgeschwärmt", erzählt Rachel Helleur. Sie hatte sich richtig darauf gefreut, erstmals mit den Berliner Philharmonikern in der Waldbühne zu spielen. Der stürmische Regen am 2. Juli ließ das nicht zu. Sie kam mit dem Orchesterbus an und sah gleich die Orchestervorstände mit finsterem Blick auf der Bühne stehen.

"Bis zu den Holzbläserstühlen war alles nass. Die Streicher hätten alle im Regen gesessen", erinnert sich die Cellistin. Sie selbst sollte ganz außen am Bühnenrand Platz nehmen. Ihr wertvolles Instrument von 1740 aus Turin hatte sie vorsichtshalber nicht mitgebracht. Viele philharmonische Streicher haben für Open-Air-Anlässe Zweitinstrumente. Nicht nur Regen, auch Sonne kann den historischen Schätzen schaden. Aber auch die Zweitinstrumente möchten sie nicht verlieren. Im Cateringzelt hatten die Musiker dann eine Orchesterversammlung und entschieden per Abstimmung, das Konzert zu verschieben.

Dienstag ist es so weit. Die Philharmoniker sind aus den Sommerferien zurück. Riccardo Chailly dirigiert Werke von Dmitri Schostakowitsch, Nino Rota und Ottorino Respighi. Das Programm wechselt vielfarbig zwischen Jazzigem, Filmmusik und Poema sinfonico. "So ein leichtes Sommerprogramm macht auch einmal Spaß", sagt Rachel Helleur, deren Hausgötter sonst eigentlich Gustav Mahler und Richard Strauss sind. Ihr Studium an der Royal Academy in London hat sie teilweise durch Open-Air-Konzerte finanziert, danach hat sie nicht mehr oft draußen musiziert: "Einmal allerdings habe ich mit den 12 Cellisten bei einer Asien-Tournee in Taiwan vor 40 000 Menschen gespielt - leider im Regen."

Eine tägliche Herausforderung

Für Rachel Helleur beginnt die erste Saison als "echte" Philharmonikerin. Zwei Jahre in der Orchester-Akademie und weitere zwei Probejahre hat sie hinter sich. Vor den Ferien haben die Orchestermusiker abgestimmt und beschlossen, dass die Engländerin bleiben darf. Mit den 12 Cellisten hat sie neulich in Wiesbaden gespielt. "Das war sehr emotional. Es war das erste Konzert, bei dem ich wusste: Das ist jetzt wirklich meine Gruppe, sie schicken mich nicht wieder weg." Sie hat das Gefühl, angekommen zu sein, ihre Lebensstellung gefunden zu haben.

Mitglied der weltberühmten 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker zu sein, ist eine ganz besondere Herausforderung. Schließlich ist das Repertoire der Gruppe alles andere als alltäglich. Gerade probt das Ensemble "Labyrinth", ein neues Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. "Die Tempi ändern sich alle paar Takte. Es ist schwierig, das alles zusammen zu puzzeln", stöhnt die junge Cellistin, "aber es lohnt sich!" Am 30. August soll die Uraufführung beim Lucerne Festival stattfinden. In dieser Saison haben die Zwölf viel zu tun, denn sie feiern ihr 40-jähriges Jubiläum. Dass Rachel Helleur fast allein unter Männern ist, stört sie überhaupt nicht. "Für mich spielt das einfach keine Rolle", sagt sie und überlegt: "Ich hoffe, für die anderen auch nicht."

Die große musikalische Tradition der Berliner Philharmoniker in die Zukunft zu transportieren, ist ihr ein Anliegen: "Ich sauge alles ein, passe ganz genau auf, wenn ich neben diesen tollen Cellisten sitze." Sie hat sich früh in den Klang des Berliner Orchesters verliebt. "Er ist einfach etwas ganz Besonderes - noch reicher und wärmer als bei anderen Spitzenorchestern", beschreibt sie. "Wir haben diese Riesenstreichergruppe, die ausschließlich aus erstklassigen Musikern besteht, die in anderen Orchestern Solostellen hätten."

Eine Familie aus Musikliebhabern

Als Studentin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" hat sie oft mit Gänsehaut im Publikum gesessen und sich von Herzen gewünscht, mitspielen zu dürfen.

Die Berliner Philharmoniker waren immer ihr Berufsziel. Die 12 Cellisten sind sogar dafür verantwortlich, dass sie Cello lernen wollte. Rachel Helleur stammt aus einer Familie von Musikliebhabern. Ihre Eltern haben sich in einem Jugendorchester kennen gelernt. Rachel und ihre beiden Geschwister lernten schon mit drei Jahren Geige nach der Suzuki-Methode. Dann hörte das Mädchen aus Ipswich eine Aufnahme der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker und war sofort von diesem Klang gefesselt. Ihre Eltern hörten sie nur noch quengeln: "Ich will das Große!"

Am Wochenende wurde immer gemeinsam musiziert, aber sie ist die Erste in ihrer Familie, die die Musik zum Beruf machte. Mit zehn Jahren hatte sie plötzlich Schmerzen im Arm. Sie hatte ihrem wachsenden Körper mit dem ständigen Cellospiel zu viel zugemutet. Vier Jahre lang musste sie ihr Instrument im Koffer lassen. In der Zeit merkte sie, wie ernst es ihr damit war: "Ich habe es so vermisst. Der Gedanke war einfach schrecklich, vielleicht nie wieder Cello spielen zu können." Nun ist sie da angekommen, wo sie hinwollte.

Einige ihrer Orchesterkollegen haben aufregende Hobbies wie Radrennfahren oder Bergsteigen. "Dieser Job bei den Philharmonikern ist wie Extremsport", meint sie. "In der Freizeit brauche ich zum Ausgleich das ganz normale Leben."