Kunstsache

Kreuzberger Nächte sind nicht mehr lang

Der August ist wirklich kein toller Monat für diese Kolumne. Sehr viele Galerien haben geschlossen.

So landete ich in der Brunnenstraße. Das Quartier um die Brunnenstraße wurde vor einigen Jahren mal für kurze Zeit als das neue heiße Galerienviertel gehandelt. Dann war es schnell nicht mehr neu, nicht mehr so heiß, sondern nur ein Viertel, indem halt auch ein paar Galeristen gestrandet waren. Es gibt nach wie vor ein paar gute Orte.

Doch ich hatte mich eine Weile dort nicht umgesehen. Insofern war die Expedition ins Brunnenstraßequartier auch ein Trip ins Unbekannte. Die erste Station führte mich zu Taik, einer kleinen Galerie in der Bergstraße, die sich auf Fotografen der Helsinki School spezialisiert hat. Mit der Helsinki School ist es wie mit der Brunnenstraße. Sie wurde eine kurze Zeit als heißer Nachfolger der Düsseldorfer Fotografenschule (Gursky & Co.) gehandelt, doch dann war es schnell wieder vorbei. Die Arbeiten von Marjukka Vainio, die Taik gerade zeigt, sind typisch für diese finnische Variante einer konzeptuellen und oft sehr designmäßig wirkenden Fotografie.

In einer Serie von 14 Bildern fächern sich die Blätter einer Rose in unglaublichsten Rotschattierungen auf. In einem anderen Zyklus hat die Finnin Birkenzweige vor einem nachtblauen Hintergrund arrangiert, so, als hätte sie Blitze fotografiert. Technisch waren Vainios Arbeiten zweifellos beeindruckend. Und doch hat mich die artifizielle Hochglanzfotografie seltsam kalt gelassen. (Bis 27. August, Bergstraße 22, Mitte)

Auch in der Brunnenstraße sind gerade viele Galeristen im Sommerurlaub. Glück hatte ich im oberen Teil, nördlich der Invalidenstraße. Dort liegt En Passant - eine Produzentengalerie, betrieben von 16 Künstlern. Es gibt sie seit 2007, ich hatte sie zuvor noch nie betreten. Im Moment stellen bei En Passant fünf Künstler aus, wobei mir besonders die Bilder von Barbara Kupfer gefallen haben. Die junge Berlinerin hat Fotos auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen gemacht und überträgt das Gesehene mit dem Pinsel auf die Leinwand. Kupfer reduziert ihre Motive extrem, so dass sich nicht mehr genau sagen lässt, ob es sich immer noch um figurative Abbilder von Architektur handelt oder einfach um abstrakte Farbflächen. Nur wer das Zollverein-Gelände kennt, merkt, dass das Rot von zwei diagonalen Streifen in einem ihrer unbetitelten Gemälde dem Farbton der Transporterbänder auf der Zeche ähneln. In ihrer Haltung erinnerten mich Kupfers Werke an die Förderturm-Fotografien von Bernd & Hilla Becher. Die angeschmutzten Farben hatten was von Neuer Leipziger Schule. (Bis 2. September, Brunnenstraße 169, Mitte)

Direkt neben En Passant liegt auf der Brunnenstraße die Galerie LackeFarbe. Diese mir bisher unbekannte Galerie zeigte einen mir bisher unbekannten Künstler - und ob Bobo Freitag mit seinen 66 Jahren noch der große Durchbruch beschert ist, wage ich zu bezweifeln. Freitag ist ein wirklich netter Herr, der sich als Überbleibsel des wilden, trinkfesten West-Berlins inszeniert. Doch viele seiner gemalten und gezeichneten Stadt-Anekdoten (Titel wie "Knut City") waren mir zu derb, zu plakativ-illustrativ, zu sehr erwartbare George-Grosz-Gesellschaftssatire, als dass ich sie wirklich originell fand. In den Achtzigern war Freitag augenscheinlich besser gewesen. Ein Gemälde wie "Don't get Ad" ist mit seinen braunen Mietskasernen, den riesigen Werbepostern und einem Stück der Berliner Mauer, in dem sich eine kleine Tür öffnet, sowohl interessantes Stadtpsychogramm als auch ein schönes surreales Bild. Doch später kam Freitag irgendwie der eigene Wille zum Gag dazwischen. Vermutlich hätte man mit ihm vor 30 Jahren super die Kreuzberger Nächte durchfeiern könnte. (Bis 8. Oktober, Brunnenstraße 170, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien