Daniel Barenboim

"Vom Frieden sind wir weit entfernt"

"Natürlich können wir Konflikte nicht mit Musik lösen, aber Musik hat die Kraft, Menschen für dieselbe Sache zu interessieren und eintreten zu lassen." Daniel Barenboim hat das West-Eastern Divan Orchestra auf seiner diesjährigen Sommertournee wieder an einen Ort geführt, an dem die Fronten hart aufeinander treffen.

In der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea dirigierte er soeben Beethovens 9. Symphonie. Heute gastiert er mit seinem Orchester, in dem junge Musiker aus dem Nahen Osten vereint spielen, in der Waldbühne.

Musik als Sprache des Dialoges

"Die Ereignisse der letzten Monate haben gezeigt, wie schnell sich politische Verhältnisse völlig unerwartet ändern können; das ist auch und gerade an der innerkoreanischen Grenze von Belang", sagt Daniel Barenboim im Gespräch: "Es freut mich, dass so ein Signal gerade aus dem Nahen Osten, aus der arabischen Welt kommt, und ich glaube, dass die Erkenntnis, wie schnell autokratische Systeme stürzen können, überall auf der Welt von Bedeutung ist. Es wäre doch unglaublich, wenn wir das nächste Mal ein Konzert spielen könnten, das alle Koreaner besuchen können, aus dem Norden wie aus dem Süden."

8000 Menschen hatten das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra gehört - allerdings alle aus Südkorea. "Ich hoffe, dass die tausenden von Menschen das ähnlich sehen, die trotz des schlechten Wetters zu uns in die entmilitarisierte Zone gekommen sind, um Beethovens 9. mit dem unglaublichen Schlusschor zu hören."

Das West-Eastern Divan Orchestra nennt sich selbst in liebevoller Kurzform "Wedo-Familie", der Name klingt, laut ausgesprochen, wie ein englischer Slogan: We do - Wir tun etwas.

Etwas tun, das wollte Daniel Barenboim 1999. Gemeinsam mit dem aus Ägypten stammenden Schriftsteller Edward Said rief er in Weimar den West-Eastern Divan ins Leben. "Die Legende sagt, dass wir ein Orchester hätten gründen wollen. Das ist falsch, hat aber, wie es bei allen Legenden ist, einen wahren Kern. Unsere Idee war, ein Forum zu gründen, bei dem junge Musiker aus dem Nahen Osten zusammenkommen, auch um zusammen zu musizieren, vor allem aber, um den Dialog mit einander zu lernen." Rasch stellte sich heraus, dass nicht nur die Musik sich als Sprache des Dialogs wunderbar eignete, sondern auch Konzerte das beste Mittel waren, international auf das Projekt aufmerksam zu machen. Bis heute ist das Wedo das einzige Orchesterprojekt, in dem Israelis und Araber gemeinsam, am selben Notenpult spielen.

Argentinische Intellektuelle und Politiker haben Daniel Barenboim vor wenigen Tagen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aber der Dirigent bleibt zurückhaltend: "Dazu möchte ich eigentlich nichts sagen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Natürlich bin ich dankbar, dass es Menschen gibt, die meine Arbeit so schätzen. Aber ich denke doch: Entweder man bekommt den Preis, und dann muss man sich gut überlegen, was man dazu sagt, oder man bekommt den Preis nicht - dann sollte man lieber schweigen."

Seit neun Jahren bereist das Wedo im Sommer verschiedene Länder, zunächst in Europa und den USA, dann in Südamerika und immer wieder im Nahen Osten. "Das Ziel, das Edward Said zu Beginn des Divan formulierte, teile ich noch immer: Das Wedo muss in allen Ländern spielen, die im Orchester repräsentiert sind. Wir müssten eine Tournee machen können, auf der wir im Libanon, in Jordanien, in Syrien, Ägypten und in Israel spielen." Das sei sein Traum, sagt Daniel Barenboim, auf dem Tahrir-Platz in Kairo und im Gaza-Streifen auftreten zu können.

Die weltpolitische Lage hat das in diesem Jahr schwerer gemacht als je zuvor. Ein Konzert, wie das West-Eastern Divan Orchestra es 2005 in Ramallah im palästinensischen Gebiet gespielt hat, wäre heute nicht möglich. "Der Konflikt hat sich so entwickelt, dass, man kann es nur so sagen, die eine Seite blind ist und die andere taub. Vom Frieden sind wir weiter entfernt als je zuvor", sagt Barenboim. Deshalb sei jeder Auftritt des Wedo von umso größerer Bedeutung. Konzerte vereinbare er für das Orchester entweder an solchen Orten zu spielen, die in der Musikwelt wichtig sind, wie etwa jetzt beim Luzern Festival und den Salzburger Festspielen oder in Ländern, wo ein Zugang zur Nahostregion möglich sei. Deshalb konzertierten sie auch regelmäßig in Qatar, so Barenboim, das sei zwar nicht der Nahe Osten, aber doch näher daran als Europa.

"Ich fühle mich verantwortlich für alle Musiker dieses Orchesters, ob Israeli, Palästinenser oder aus einem der anderen arabischen Länder." Sowohl musikalisch als auch menschlich fühle er diese Verantwortung, denn er wisse die Neugier genauso zu schätzen, zum Projekt zu kommen wie den Mut, es auch zu tun. Denn viele Teilnehmer erfahren von der Gesellschaft in ihrem Land, sogar von ihren Familien Kritik daran, dass sie 'mit dem Feind in einem Orchester spielen.' "Deshalb ist der West-Eastern Divan das Wichtigste, was ich mache. Nicht nur der musikalische Aspekt, sondern das Ganze", sagt Barenboim.

Beethoven ist die beste Schule

Die Beethoven-Symphonien bildeten von Anfang an einen Kern der Orchesterarbeit des Wedo. Schon in seinem ersten Jahr, in Weimar, 1999, hat das West-Eastern Divan Orchestra die 7. Symphonie gespielt. Jedes Jahr stand mindestens eine Symphonie auf dem Programm, oft mehrere.

Im kommenden Jahr wird Daniel Barenboim 70 Jahre alt. In den 12 Jahren seit der Gründung des Orchesters sei nicht nur das Orchester mit ihm gewachsen, sondern auch er selbst habe seinen Horizont enorm erweitert. Er habe in seinem Leben mit vielen herausragenden Dirigenten und Solisten arbeiten dürfen, sagt Barenboim. Aber heute sieht er das Wedo als wichtigen Lehrer.

Das Projekt, die gesamten Beethoven-Symphonien einzustudieren, hat das Orchester im vergangenen Jahr begonnen. "Aber mit der 9. Symphonie nach Berlin zu kommen, das ist ein ganz besonderer Moment für uns." Für das des West-Eastern Divan Orchestra ist dies der zweite Auftritt auf der Waldbühne, vor zwei Jahren hat das Ensemble dort den ersten Akt der Walküre gespielt. "Wer weiß", lächelt Barenboim, "vielleicht machen wir daraus eine kleine Tradition und kommen zukünftig regelmäßig."