Grips Theater

Mit Jeans und Boots gegen Hermann Hesses Mantra

Zwei Welten durchkreuzen sich in Emil Sinclairs Innerem: Die klare, reinliche, waffelduftende, aber enge Welt des Elternhauses, und die von dunklen Trieben quellende, so verlockende wie erschreckende Außenwelt, in der Emil seinen Platz erringen muss.

Einen exzessiv Pubertierenden hat Hermann Hesse 1917 in seinem Entwicklungsroman "Demian - Die Geschichte einer Jugend" geschaffen, mit autobiographischen Zügen: Der vormals brave Knabe Emil säuft, schließt sich obskuren religiösen Kulten an und sublimiert seine homo- wie heterosexuellen Neigungen durch Malerei. Von seinem Mitschüler Kromer lässt er sich verprügeln, erpressen und dazu verleiten, seinen Eltern Geld zu stehlen, um am Ende selbst seinen Mentor Pistorius brutal zu erniedrigen.

Die 1980 geborene Regisseurin Daniela Löffner hat aus der Romanvorlage eine Theaterfassung erstellt und sie im Mai 2010 am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf inszeniert. Einmalig zeigte sie nun das Grips Theater am Hansaplatz: Der neue Leiter Stefan Fischer-Fels, zuvor Intendant des Jungen Schauspielhauses, bot dem Berliner Publikum damit einen Einblick in die künftig mögliche Grips-Ästhetik.

Die Textgrundlage ist es nicht, die Neues verspricht. Schwül dräut bei Hesse die Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg. Da wird sexuellen Neigungen mit kalten Waschungen begegnet, und Gleichgesinnte schließen sich in kultischen Gemeinschaften zusammen. Das "Zeichen Kains" auf der Stirn deutet ihr Erwähltsein an.

Wenn es zu arg wird mit dem Hesse-Schwulst, baut Daniela Löffner ironische Distanz auf: Emil (Philipp Grimm) schwärmt für Max Demian (Till Frühwald) - Freund, Vorbild und dämonisches Alter Ego. "Sein Gesicht scheint nicht männlich oder kindlich, sondern irgendwie tausendjährig, irgendwie zeitlos. Tiere können so aussehen oder Bäume, oder Sterne." Demian, mit Jeans, Boots und hippem Haarschnitt, tut Emils Erguss mit wegwerfenden Gesten ab - und hat die Sympathien der Zuschauer auf seiner Seite. Sätze aus Hesses Gedicht "Im Nebel", dem Mantra zahlloser Heranwachsender - "jeder ist allein" -, maulen Emils Mitspieler weg wie dieser zuvor das peinliche Weihnachtsgedicht.

Durch Ironie wie spielerische Fantasie gelingt Löffner eine Aktualisierung des Hesse'schen Pubertätsgefühls, und mit hemmungsloser Offenheit gewinnen ihre Schauspieler auch das skeptische Publikum in Emils Alter. Als Kromer (Christof Seeger-Zurmühlen) Emil die Hand im Waffeleisen quetscht und ihm die Hosen herunterzieht, schlagen einige Mädchen die Hand vor den Mund. Doch nach mehrmaligem Ausziehen ruft der blanke Hintern von Philipp Grimm nur noch schwache Neugier hervor. "War ja klar", so der jugendliche Tenor, als Emil seine Jungskleidung gegen Jeans und Hemd eintauscht. Grimm knöpft daraufhin in aufreizend lässiger Modelpose sein Oberteil zu und fixiert dabei ein hysterisch giggelndes Mädchen. Ein Trick, den Emil von Demian gelernt hat: "Ich sehe den Menschen ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle Leute schlecht. Sie werden unruhig und schon hast du sie in der Hand." Stimmt.

Dem Affen Zucker zu geben, auch das kommt gut an. Stichwort: Komasaufen à la Malle. Strandkleidung, Sangria-Strohhalme, Sonnenbrillen - und ab geht die Orgie. Vom hölzernen Bühnenaufbau werfen sich die Darsteller mit einem Kopfsprung auf die Bühnenfläche, die von Waffelteig, Wasser und pappsüßem Gesöff glitscht. Nur Emil, der so schüchterne wie überhebliche Sonderling, bleibt abseits, leert eine Flasche nach der nächsten.

Sein Vater (Alexander Steindorf) lohnt die Eskapaden mit Hausverbot, und Emil, nun Student der Philosophie, schließt sich der Gemeinschaft um Demian und dessen verführerische Mutter (Insa Jebens) an. Noch einmal genießt er paradiesische Unbeschwertheit, doch sein Weg ins Erwachsenenleben endet allein. Der Erste Weltkrieg bricht aus. Als Sprinter stellen sich die Schauspieler auf, der Startschuss ertönt - wie von Kugeln getroffen sinken sie zusammen. Und Emil weint noch einmal wie ein Kind.

Der Beifall ist stürmisch. Mit "Demian" hat der neue Grips-Chef Fischer-Fels erfolgreich seine Visitenkarte beim Berliner Publikum abgegeben.

"Mit hemmungsloser Offenheit gewinnen die Schauspieler auch das skeptische Publikum"