Ausstellung

Das Licht, die Haut, das Innenleben

Die italienische "Bellezza", jene Schönheit von Geist und Körper, wird ab kommenden Donnerstag wohl auch die Hauptstadt bezaubern. Im lichten Bode-Museum auf der Museumsinsel wird sich mit der internationalen Ausstellung "Gesichter der Renaissance" ein reicher Bilderschatz ausbreiten.

Botticelli, Bellini, Ghirlandaio, Mantegna, Lippi - all diese Maler mit den klingenden Namen haben die Kunst in Rom, Venedig und Norditalien revolutioniert. Zweifellos, diese Ausstellung ist das Berliner Ausstellungs-Highlight des Jahres. Mehr als 20 000 Karten wurden bereits verkauft.

1000 Quadratmeter, 150 Werke

Zum Vergleich: die große "Botticelli"-Schau über den italienischen Renaissance-Maler schlug 2010 in Frankfurt/M: Rekorde. Mit 370 000 Besuchern war sie die bislang publikumsstärkste Ausstellung in der Geschichte des Frankfurter Städel-Museums. Die Berliner Präsentation ist mit einem atmosphärische Coup verbunden: Die 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind mit schwarzem Samt ausgeschlagen und komplett verdunkelt, die Kunstwerke werden spottartig durch Scheinwerfer illuminiert.

Die fünfzig Leihgeber sind prominente Museen wie die Florentiner Uffizien, der Louvre, Paris, und die National Gallery, London. Die Ausstellung wiederum ist eine Kooperation mit New Yorks bedeutendstem Museum, dem Metropolitan, - dort wird die Schau anschließend zu sehen sein. Gezeigt werden rund 150 Werke von 1430 bis 1500: neben den berühmten Bildern und Skulpturen auch Münzen, die, wie Kurator Stefan Weppelmann sagt, "wichtige Voraussetzung waren für die Entstehung der Porträts". Das Team um Weppelman versucht, die Wechselwirkung zwischen den Medien aufzuzeigen.

Ohne das 15. Jahrhundert (Quattrocento) wäre die große Zeit der Porträtkunst eines Rubens und Tizians kaum denkbar, so die These der Kuratoren. Um 1430 begannen sich die Künstler, ausgelöst durch ein neues Bewusstsein an der Schwelle des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit, für Naturphänomene zu interessieren. Nach den religiös motivierten Werken des Mittelalters fing der Mensch an, sich selbst zu entdecken. Das Licht, die Haut und das Innenleben des Individuums werden zum Gegenstand künstlerischer Studien. Leonardo da Vinci sezierte Leichen, um sich anatomisch zu bilden. Es gab einen regelrechten Boom von autonomen Bildnissen, in den verschiedensten Formen und auch Materialien. Sie waren plötzlich überall: Bilder hingen in Schlafzimmern, Büsten standen in Höfen oder waren über Türen angebracht, in ausstaffierten Schatullen lagen geschützt Medaillen und Täfelchen. Das Bild dient stets der Vergewisserung der eigenen Person, der Zementierung von Macht und Einfluss, schlicht der Repräsentation. Daran hat sich auch heute wenig geändert.

Die Porträtkunst der Renaissance (französisch für "Wiedergeburt") hat viele Gesichter. Das ungewöhnlichste und zugleich das bedeutendste Bildnis der Schau ist Leonardo da Vincis "Dame mit Hermelin" von 1489/1490. Eine Sensation, dass das rund vierzig Mal fünfzig Zentimeter große Werk auf Wallnussholz überhaupt ausgeliehen wurde aus dem Krakauer Museum. Es gilt dort als eine Art Nationalheiligtum, die Verhandlungen der Ausleihe waren dementsprechend zäh. Die fragile "Dame" wird nur bis zum 31. Oktober, also bis drei Wochen vor Ausstellungsende, im Bode-Museum zu sehen. Nach einer weiteren Station in London bekommt sie, zurück in Polen, ein Reiseverbot - für mindestens zehn Jahre.

Für viele ist diese feingliedrige junge Lady schöner als da Vincis berühmte "Mona Lisa" mit dem rätselhaften Lächeln. Viele, viele Regalmeter Forschungsliteratur gibt es zur Interpretation: Wohin schaut sie nur, die junge Dame mit dem Pelztierchen im Arm? Es ist der konzentrierte, nach außen gerichtete Blick des hübschen Mädchens, der Rätsel aufgibt. Es scheint, als hätte sie Augenkontakt mit einer Person außerhalb des Bildes. Doch wer mag es nur sein? Was die Deutung spannend macht, denn die 17-jährige Cecilia Gallerani war einige Jahre die junge Geliebte des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza. Er ließ das Werk in Auftrag geben. Blickpunkt ist die überproportionierte Hand auf dem Hermelin. Das Tierchen gilt allgemein als Symbol der Tugendhaftigkeit.

Allerdings dürfte da Vinci diese Deutungshoheit - im Blick auf die Mätresse - nicht beabsichtigt haben. Näher liegt da die Deutung des Hermelins als Metapher für Ehre. Der Hofdichter Bellincioni hatte Sforza 1493 als "weißen Hermelin" beschrieben. Offenbar war diese Tierallegorie am Hofe auch jedermann bekannt, zumal Sforzas dem Hermelinorden angehörte. Hier wird deutlich, wie erfrischend Leonardo mit der sozialen Ikonografie des Hofes gespielt hat und wie stark er uns, den Betrachter, mit seiner Inszenierung ins Bild zieht.

Aus dem Louvre nach Berlin gekommen ist auch Ghirlandaios meisterhaftes "Porträt eines alten Mannes mit einem Knaben" (1490). Der Florentiner Maler idealisierte nicht, sondern malte den alten Herren mit einer durch eine Hautkrankheit furchtbar entstellten Nase. Da sein naturalistisches Bildnis auf einer Zeichnung basiert, die am Totenbett entstand, war klar, dass hier eine möglichst authentische Erinnerung an den Verstorbenen aufrecht erhalten werden sollte. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um Giovanni di Francesco Tornabuoni, einen betuchten Florentiner Bürger, der zu den Auftraggebern Ghirlandaios gehörte. Fra Filippo Lippis "Frau und Mann in einer Fensternische" hingegen schöpft stärker aus der visuellen Fantasie des Künstlers. An welchem Ort befindet sich die Dame mit der Haube? Warum dominiert sie ihren Mann? Nächste Woche werden sich wohl viele Besucher diese Fragen stellen. Von Angesicht zu Angesicht.