Iron & Wine

Rauschhafter Folk-Pop mit frechem Bart

Früher, also so um 1960, ließen sich Musikstile noch anhand von Bärten identifizieren.

Pop sangen zierliche Jüngelchen mit Fusselbart. Folkbarden pflegten dagegen oft einen imposanten Gesichtswuchs, vergleichbar allenfalls mit dem von Marx oder Dostojewski, der ihren schneidenden Polit-Attacken finsteren Nachdruck verlieh. Wenig später sollte sich einiges ändern: Bob Dylan tauschte seine Wanderklampfe gegen ein elektronisch verstärktes Instrument und trat unrasiert vor sein Publikum. Beach Boy Brian Wilson schloss sich im Studio ein, um den perfekten Sound zu destillieren. Fotografien zeigen einen besessenen Kauz am Mischpult, zugewuchert bis unter die Nasenflügel. Seither sind Bärte Teil der Popkultur.

Im Astra gehört der Bart Samuel Beam von Iron & Wine. Vor dem roten Rüschenvorhang, im legeren Hemdsärmel-Look, sieht er tatsächlich aus wie ein Abtrünniger der Beach Boys. Die Musik des US-Songwriters spricht jedoch mit vielen Zungen. "Kiss Each Other Clean" heißt sein viertes Album, das zu Beginn des Jahres ein kleines Highlight mit seinen fein gesponnenen Popsongs war. In Berlin lässt Beam jedoch nichts anbrennen: Gleich in "Boy With A Coin" steigert sich die neunköpfige Band in einen rauschhaften Folk-Rock, die Gitarren scharren im mit Funk, Jazz und Latino-Rhythmen gedüngten Indie-Boden. "Evening On The Ground (Lilith's Song)" trötet mit Saxophon in dreckigster Free-Jazz-Manier.

Wer einen gediegenen Liederabend erwartet hatte, wird spätestens hier enttäuscht. Die akustische Gitarre bleibt vorerst unter Verschluss. Dafür gibt's süffig Instrumentiertes wie "Free Until They Cut Me Home" mit fernöstlicher Esoterik. Sitar, Flöte und Percussion würfeln frei flottierende Klänge durch den Saal, während eine Backgroundsängerin den Muezzin macht. Einige Passagen erinnern an den Psychedlic Rock alter Zeiten, an The Grateful Dead oder Love, doch spielen Iron & Wine ihre Stücke, als hätten sie die Stile gerade zum ersten Mal miteinander kombiniert, quasi ad hoc ein neues Genre definiert. Der Southern-Soul "In My Lady's House" und das tröstende Country-Stück "Jesus The Mexican Boy" sind weitere Höhepunkte.

Es liegt in der Qualität des Konzerts, dass hier vermeintlich Verqueres mit scheinbar Simplem verschmilzt. Jeder Ton hat seine Berechtigung, nichts dient dem Effekt. Leider verebbt die anfängliche Dynamik gen Ende. Ausgerechnet die neuen Songs, ja sogar ein heimlicher Hit wie "Tree By The River" mit treibendem Beat und richtigem Refrain geht in der aufgehitzten Clubatmosphäre unter. Beams treue Fangemeinde dankt es ihm allemal, denn ein nicht unbeträchtlicher Teil des musikalischen Zaubers von Iron & Wine findet sich in den Texten, welche manchmal nur aus einem sardonischem Witz zu bestehen scheinen, den der Poet durch seine einschmeichelnde Tonlage gleich wieder entschärft. So halten Iron & Wine den Spannungsbogen bis zum Schluss. Anderthalb Stunden, mal wüst, mal sanft, fast immer zwingend. Und ganz bestimmt ohne langen Bart.