Ein getanztes Stück über Seelenwanderung

Jäger und Beute zugleich

"Kaikou steht im Japanischen für Seelenwanderung", erläutert Susanne Linke den Titel ihres Drei-Männer-Stücks, das heute beim "Tanz im August" seine Uraufführung erlebt. Eine Vorstufe dazu entstand für den Berliner Raimondo Rebeck - als Linke ihn während des Probenprozesses kriechen ließ, kam ihr die Assoziation, mit dem Solo das Tierische im Menschen zu zeigen.

Auch buddhistisches Gedankengut inspirierte sie dazu: die Überzeugung, Menschen gehen ebenso durch eine Tierphase, der ewige Zyklus vom Werden und Vergehen, von Tod und Wiedergeburt. Die neue, personell aufgestockte Version verhandelt nun mit Urs Dietrich, Henry Montes und dem von den Martial Arts kommenden Franzosen Brice Desault als Interpreten dasselbe Thema, das Fressen und Gefressenwerden, die anscheinend unvermeidliche Konkurrenz unter Männern, aus dem Blickwinkel aber einer Frau: Susanne Linke.

Neben dem 1993 verstorbenen, acht Jahre älteren Gerhard Bohner gehört sie zu den Einzelkämpfern in der deutschen Tanzmoderne. Gleich Bohner gilt sie als bedeutende Solo-Tänzerin, die ihre wohl wichtigsten Arbeiten für sich selbst schuf. Dass sie im Schnittpunkt zweier Wege steht, den von der Eltern-Generation ererbten Ausdruckstanz mit dem zeitgenössischen Tanztheater zu verknüpfen wusste, macht sie einzigartig. Der Tanz schien ihr allerdings nicht in die Wiege gelegt. Kurz vor Kriegsende, 1944, wurde sie in Lüneburg als Pastorentochter geboren, hatte nach eigener Aussage fast eine unbeschwerte Kindheit, wäre da nicht jener Schatten gewesen.

Sie konnte lange nicht sprechen

Als Folge einer Meningitis konnte sie bis zum sechsten Lebensjahr weder sprechen noch hören. Nur gestisch kommunizierte sie mit ihrer Umgebung, war kurz auch in einer Kinderpsychiatrie. Als traumatischer Einschnitt überwölbt die Erfahrung von Krankheit, Leid und Anderssein ihr Leben, sollte sich später in einer Choreografie entladen. Überhaupt kam sie spät zum Tanz: Mit 20, 1964, ging sie, damals mutig genug, zu Mary Wigman, der Priesterin des zeitbedingt ins Abseits geratenen Ausdruckstanzes, nach Berlin. Drei Jahre blieb Linke bei Wigman, wechselte danach an die Folkwang-Hochschule in Essen, wo Hans Züllig lehrte: Bei ihm studierte sie von vorn, nennt diese Zeit eine "Gehirnwäsche". Wigmans Emotionalität und Zülligs Technik waren es, die aus Susanne Linke geformt haben, was sie wurde.

Zunächst wurde sie Tänzerin im Ensemble des Folkwang-Studios. Geleitet hat es damals Pina Bausch, und die glaubt an Linke. Anfang der 1970er beginnt sie sogar zu choreografieren, sie übernimmt die Leitung des Folkwang-Studios, bleibt in dieser Funktion ein volles Jahrzehnt. Mit "Die Nächste bitte" entsteht 1978 eine erste Gruppenarbeit, die im Wartezimmer eines Gynäkologen Ängste von Frauen thematisiert. Von 1980 an entwickelt sie Solos, die auf lange ihr Markenzeichen werden sollten, ihr auch den internationalen Durchbruch bescheren. "Im Bade wannen", ihre, lächelt sie, "am häufigsten aufgeführte, nicht aber liebste" Arbeit, konfrontiert über Fall und Schwung als Bewegungsprinzipien und zu sanfter Musik von Erik Satie eine Frau zwischen Angst und Faszination mit dem begehrten Objekt. "Flut" zu einer Elegie von Gabriel Fauré unterwirft die Frau mit einem Tuch als Metapher für Wasser einer fast ausweglosen Situation, "Es schwant" zu sinfonischer Musik von Peter Tschaikowsky steckt eine Braut in die Zwangsjacke Frack, "Orient-Okzident" schickt die Tänzerin zu Klängen von Iannis Xenakis auf Wegsuche. Mit diesem Programm, ergänzt durch eine Hommage an Mary Wigman, wird Linke die Kontinente bereisen.

Ihr erstes abendfüllendes Stück kreiert sie nach den "Bakchen" des Euripides, nennt es "Am Reigenplatz"; zwei Jahre später, 1985, entwirft sie "Schritte verfolgen" als Solo zur Reflexion des Weges vom behinderten Kind zur großen Tänzerin. Im selben Jahr verlässt sie das Folkwang-Tanzstudio, choreografiert für namhafte Compagnien: José Limón American Dance Company in New York, Grupo Corpo im brasilianischen Belo Horizonte, die Pariser Oper, das Nederlands Dans Theater. "Man kann nicht nur Soloabende tanzen", sagt Linke, "man braucht den Kontakt zu anderen, um nicht zu vereinsamen." Zudem seien Solos physisch sehr anstrengend.

Preis für ihr Lebenswerk

Von Linkes Gruppenarbeiten beeindrucken "Ruhr-Ort", 1991, als ungeschönte Respektbezeigung vor der Arbeit im Hüttenwerk, ein Männerstück ebenso wie "Märkische Landschaft", uraufgeführt in Berlin. Zwischendrin nimmt Linke zusammen mit Dietrich Abschied von Gerhard Bohner: "Dialog mit G.B." in der metallenen Installation von Bohners Ausstatter Robert Schad wird zum künstlerischen Nachruf auf den kurz zuvor verstorbenen Freund, in einer sehr persönlicher Handschrift. Mit Urs Dietrich begründet Linke 1994 das Tanztheater Bremen, seit 2001 ist sie wiederum freie Choreografin, überrascht 2008 in der Reihe "Politische Körper" an der Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied sie da längst ist, mit einer Übertragung des autobiografisch getönten Solos "Schritte verfolgen" auf drei jüngere Tänzerinnen: Linke selbst zieht darin als Todesbote ihre Bahn, überwältigt durch Sparsamkeit, Fluss, Präzision, Souveränität ihres Tanzes.

Und wird an diesem eindringlichen Abend im Auftrag des französischen Kulturministers zum Officier des Arts et des Lettres ernannt, neben dem Deutschen Tanzpreis im Jahr zuvor eine der zahlreichen Auszeichnungen für ein der tänzerischen Wahrhaftigkeit verpflichtetes Lebenswerk. Abgeschlossen ist es indes noch längst nicht, sagt Linke sinnierend, wie "Kaikou" beweist: "Das dunkle Stück mit sonnigen Aspekten."