Talleyrand: Johannes Willms. Virtuose der Macht.

Genialer Diener vieler Herren

Selten sind einem Staatsmann zu Lebzeiten, aber mehr noch von der Nachwelt so wenige Kränze geflochten worden. Charles Maurice de Talleyrand-Perigord, ehemals Bischof von Autun, später Außenminister Napoleons, dann Vertreter Frankreichs auf dem Wiener Kongress und zuletzt Botschafter seines Landes in London, hat kaum Bewunderer unter seinen Landsleuten.

Und während noch jeder napoleonische Marschall in Paris irgendeine Straße sein Eigen nennt, erinnert an den Retter Frankreichs aus dem napoleonischen Schiffbruch nichts. Das hat viel mit Talleyrands Laufbahn, aber mehr noch mit der französischen Geschichtsschreibung zu tun, die entweder jakobinisch-revolutionär, napoleonisch oder in wenigen Fällen auch legitimistisch ist. Keiner dieser Parteien hat Talleyrand auf Dauer die Treue gehalten.

Als Napoleons Außenminister diente er dem späteren Kaiser loyal bis zu dem Zeitpunkt, zu dem das Kaiserreich friedensunfähig wurde und sich aus dem Vollender der Revolution von 1789 der Weltenkaiser herausschälte. Man kann den Unterschied zwischen Herr und Diener in den Satz fassen: Talleyrand wollte Frankreich nur so mächtig, wie es mit dem Frieden Europas vereinbar war, Napoleon wollte es allmächtig, damit niemand mehr wagen könne, einen französischen Frieden zu brechen.

Die Wege beider trennten sich unmerklich seit Austerlitz und dem Frieden von Tilsit, offen und wahrnehmbar seit Napoleons spanischem Abenteuer. Wer Napoleon liebte und verehrte, hat das immer als Verrat empfunden, auch wenn es weniger ein Verrat an Frankreich als ein Verrat am Kaiser war. Für Talleyrand trennten sich die Wege Frankreichs und Napoleons und er legte Wert darauf, ersterem immer gedient zu haben. Als Europa sich nach dem russischen Desaster vom napoleonischen Joch befreite, war Talleyrand zur Stelle, die Bourbonen als Friedensfürsten zu installieren, zu spät begreifend, dass sie nichts vergessen und nichts hinzu gelernt hatten. In Wien konnte er - dank der Interessengegensätze der Sieger - das besiegte Frankreich wieder als Großmacht installieren, Napoleons Abenteuer der 100 Tage und Waterloo verdarben am Ende das Spiel. Noch einmal, als die Bourbonen endgültig abdanken mussten, nach der Juli-Revolution von 1830, machte Talleyrand Geschichte. Ihm verdankt das heute fast unregierbare Belgien seine Entstehung.

Talleyrand diente also in seinem politischen Leben sechs Regimen: der vorrevolutionären Kirche, der Revolution, dem Direktorium, dem Kaiserreich, den Bourbonen und am Ende dem Bürgerkönig Louis Philippe. Kein Wunder, dass so viel Beweglichkeit und Anpassung, böse Zungen würden sagen Opportunismus, Feinde und Neider auf den Plan rief, die der aristokratischen Nonchalance, dass Verrat nur eine Frage des Datums sei, wenig abgewinnen konnten. So haben die Anhänger Napoleons wie der Bourbonen in der französischen Historiografie kein gutes Haar an Talleyrand gelassen.

Johannes Willms ist in seiner Biografie "Talleyrand" frei von diesen Vorurteilen und so gelingt ihm ein weithin gerechtes, spannend zu lesendes Porträt eines Mannes, dem er allerdings das Epitheton des Staatsmannes vorenthalten möchte, der immer dienend, in der zweiten Reihe gestaltet habe. Das mag für den napoleonischen Außenminister zutreffen, doch die erste Restauration 1814 und der Wiener Kongress waren originäre staatsmännische Leistungen eines um Maß, Mitte und Ausgleich bemühten Politikers. Mit der Erfindung des Legitimitätsprinzip auf dem Wiener Kongress gelang Talleyrand darüber hinaus eine Weiterentwicklung des Völkerrechtes.

Wenn an diesem Buch überhaupt etwas zu bemängeln ist, dann, dass es ein Vorbild nicht erwähnt, dem es viel verdankt - die Biografie des britischen Ministers in der Regierung Churchill, Duff Cooper. Er war der Erste, der Talleyrand Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Talleyrand: Johannes Willms. Virtuose der Macht. 1754 bis 1838. C.H. Beck, München, 384 Seiten, 26,95 Euro.