Angelika Klüssendorf: Das Mädchen

Lektüre für stabile Leser

Viel fehlte nicht, und das Mädchen wäre gar nicht da. Es ist so dünn. Kleiderstange wird es genannt. Und das ist noch das Netteste, was man ihr nachruft. Immer kurz vor dem Verschwinden steht sie. Und verschwinden würde sie auch gern, in Träume, Bücher, Märchen.

Verschwinden wäre eine prima Alternative jedenfalls zu jener Hölle, in die sie hinein geboren wurde, weil ihre Mutter es damals vor gut dreizehn Jahren nicht geschafft hatte, sie mit Stricknadeln erfolgreich abzutreiben. Ihre Mutter, der Zorn Gottes.

Es war noch nie ein sehr erstrebenswertes Ziel, Kind in den Geschichten der Angelika Klüssendorf zu sein. Kinder unterzog die 1958 in Ahrensburg bei Hamburg geborene, in Ostdeutschland aufgewachsene und jetzt bei Berlin lebende deutsche Meisterin der ausgekargten Kurz- und Kürzestgeschichte in ihren Büchern (hoffentlich nicht biografisch grundierten) gnadenlosen, aberwitzigen Belastungstests. Kinder steckten fest in höchst willkürlichen Elterndiktaturen: von alkoholisierten Vätern geschlagen, von alkoholisierten Müttern geschlagen, von wechselnden Stiefvätern missbraucht, Klauen geschickt, haltlos, hoffnungslos. Bier gab's zu viel um sie herum, Liebe zu wenig. Mitten im übelriechenden Bodensatz des sozialistischen Traums wuchsen sie auf. In Geschichten aus gehärteter Literatur. Man könnte diese Geschichten, die allesamt auf den grauen Hintergrund des DDR-Alltags geschrieben sind, als Gegengift gegen Ostalgie verabreichen, sollte dabei aber nicht vergessen sollte, dass der Bodensatz des kapitalistischen Traums auch nicht sehr viel anders riecht, nach Kotze, Blut und Tränen nämlich. Hätte sich alles auch in Solingen abspielen können oder auch Ludwigshafen.

Es ist eine Rabenliebengeschichte

"Das Mädchen" ist dieser Tage auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählt worden. Und es steht vollkommen zu Recht auf dieser Liste. Es ist der erste tatsächliche Roman von Angelika Klüssendorf nach Geschichtenbänden und "Alle leben so", einem Roman aus Erzählungen, ist nun sozusagen die Quintessenz all ihrer Erforschungen des kleinbürgerlichen Kindheitselends. Und das Porträt eines unzerstörbaren, in seiner Verletzlichkeit und Stärke geradezu ehrfurchtgebietenden Charakters. Es ist eine Rabenliebengeschichte, eine Lektüre für die man - das sollte man bis hierher ahnen - eine eher stabile seelische Konstitution mitbringen sollte.

Alles beginnt mit - man muss leider sagen - Scheiße. Das Mädchen und sein kleiner Bruder Alex - der blondgelockte Liebling der Mutter, was ihn allerdings erst recht zum Opfer halb wahnsinniger mütterlicher Folterattacken macht - sind seit (man weiß gar nicht wie vielen) Tagen in der Wohnung eingesperrt. Das Klo ist auf der halben Treppe, unerreichbar also für sie. Die Eimer sind nun voll. Das Mädchen lässt es Fäkalien regnen auf die Straße, bis der Abschnittsbevollmächtigte zu kommen droht. Die Mutter ist weg. Sie arbeitet bei der Mitropa, wenn sie nicht gerade schwer betrunken im Bett liegt oder sich einen Spaß daraus macht, ihre Kinder, diese Bastarde, diese Strafe Gottes, mit dem Gürtel zu verprügeln. Der Vater, ein verkappter Künstler und Frauenheld ohne festen Wohnsitz, ist weitgehend nicht vorhanden, fehlt aber nicht. Ist er nämlich da, ist's auch nicht besser. Dann saufen sie, bis sie sich würgen, die Eltern. Dem Mädchen gehen irgendwann die Gefühle aus. "Das Zimmer ist dann", heißt es nach einer dieser beinahe tödlichen Explosionen zwischen den Eltern, "voller Schatten, sie sitzt neben der verprügelten Mutter, streichelt sie und hat Schuldgefühle, weil sie kein Mitleid mit ihr empfindet. Sie möchte nicht herzlos sein, doch während sie tröstende Worte murmelt, empfindet sie nichts, nicht einmal Angst."

Es gibt keine Regeln in ihrer Welt, keine festen Gesetze, die bei Verstoß feste Strafen nach sich ziehen, keine Gerechtigkeit. Nur Willkür und Gewalt.

Darin kann man untergehen, wie Alex, der Bruder. Der wehrt sich nicht, der ist zu klein dafür, der verwandelt sich unter den Schlägen, unter der Folter zunehmend in ein vor Angst zuckendes Neurosentier. Darin kann man aber auf prekäre Weise auch zu sich selber finden, unberührbar, stark, lebensabgehärtet, lebensklug werden.

Davon erzählt Angelika Klüssendorf. Vom Heranwachsen einer Wehrhaften, einer Widerborstigen, der jedes Talent zur Liebedienerei fehlt. Angelika Klüssendorf folgt diesem langen Weg zu sich selbst mit kaltem, doch untergründig von Mitgefühl durchglühtem Blick, in knarrenden Sätzen, unter denen doch immer wieder eine geradezu gefriergetrocknete Poesie aufleuchtet.

Das Mädchen entwickelt ganz eigene, berührende Überlebenstechniken: "Sie verschwindet in der Raserei der Mutter wie einem Strudel, lässt sich nach unten auf den Grund sinken und ist einfach nicht mehr da, auch wenn es für die Mutter anders aussehen mag." Es findet Fluchtpunkte in den Büchern, in Brehms Tierleben (starrt sie nur lange genug auf ein Bild, werden die Tiere lebendig), in der Literatur (den "Grafen von Monte Christo" schreibt sie komplett ab, Bibliotheken werden ihre eigentliche Heimstatt), in den Märchen (sie wäre gern Gretel und rettete ihren Bruder vor der Hexe), in den Wolken, der Natur.

Mit dem Desaster auf Halbdistanz

"Das Mädchen" ist nicht Peter Wawerzineks "Rabenliebe" mit anderen Mitteln. Eine moralische Abrechnung mit der Mutter findet nicht statt. Das Mädchen klagt nicht an. Und Angelika Klüssendorf schaut nicht zurück, sie interessieren nicht die Ursachen der katastrophalen Familienaufstellung, die sie veranstaltet. Sie interessiert sich für die Folgen, die Frage, wie Überleben, Erwachsenwerden in einem derartigen Desaster überhaupt möglich ist. Sie begleitet das Mädchen aus der Halbdistanz beim Weg vom Zuhause, das keines ist, ins Kinderheim, das ein Heim wird, ein Hort relativ normaler Jugend für das viel zu früh erwachsen gewordene Kind.

Sie begleitet sie zu Menschen, die anders sind, die sie in Schutz nehmen, wenigstens ein bisschen, und die Freunde werden, wenigstens fast. Sie sieht den Ausbruchsversuchen zu, beobachtet sie, wie sie die grausame Mechanik der Mutter selbst im Heim anwendet, ein Willkürregime inszeniert und verzweifelt darüber, dass sie scheinbar nicht anders kann, als die Mutter zu wiederholen, und dass sich keiner wehrt. Angelika Klüssendorf schlüpft in ihren Kopf, hört ihr beim Denken zu: "Sie weiß zwar, dass sie lügt, und doch gibt es einen Raum für Wahrheit in ihren lügen. Träume und Wünsche sind nicht unwahr, nur weil sie Träume und Wünsche sind, ohne ihre Träume würde sie niemals das Haus im Wald bewohnen, und sie wüsste wahrhaftig keinen Grund, warum das Leben sonst einen Sinn haben sollte."

Es tut weh dieses Buch, man hält seine Lektüre manchmal nur ganz schwer aus, seltsam gut tut es aber auch. Starkes Mädchen. Starkes Buch.

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 183 Seiten, 18,99 Euro

Es war noch nie sonderlich erstrebenswert, Kind in den Geschichten der Angelika Klüssendorf zu sein.