Interview mit Julianne Moore

"Im Alter wird das Leben an sich komischer"

| Lesedauer: 6 Minuten

Diese Frau ist wandlungsfähig - und sie macht immer eine gute Figur: Ob an der Seite von Anthony Hopkins in "Hannibal", neben Nicole Kidman in "The Hours" oder in Tom Fords Meisterwerk "A Single Man". Vier Oscar-Nominierungen hat die 1960 in North Carolina geborene Julianne Moore bislang erhalten.

Als Kind wuchs sie auf allen Kontinenten auf. Unter anderem verbrachte sie mehrere Jahre in der Nähe von Frankfurt. Der Beruf des Vaters als Militärrichter ließ die Familie ständig unterwegs sein. Den Weg zum Schauspiel fand sie erst spät. Die roten Haare, die sie früher gern versteckte, sind heute ihr Markenzeichen. Peter Beddies traf die Schauspielerin in New York. Im neuen Film "Crazy, Stupid, Love" spielt Julianne Moore eine Ehefrau, die im Laufe der Jahre zum grauen Mäuschen geworden ist.

Berliner Morgenpost: Es gibt Liebesfilme wie Sand am Meer. Von den romantischen Komödien gar nicht reden. Was hat Sie an diesem Projekt überzeugt?

Juliane Moore: Die erste Szene. Schon die war unglaublich zu lesen.

Berliner Morgenpost: Eine Parade von füßelnden Paaren in einer Gaststätte...

Juliane Moore: ..bis die Kamera am Tisch von Steve Carell und mir ankommt. Da herrscht Eiszeit. Die Füße sind meilenweit entfernt. Und wenn Steve fragt, welchen Nachtisch ich haben will, lautet mein erster Satz: "Ich will die Scheidung!" Das ist doch mal ein Anfang nach Maß, oder?! Da wird nichts erklärt oder angedeutet. Direkt auf die Zwölf!

Berliner Morgenpost: Viele Schauspielerinnen beschweren sich, dass Sie ab 40 keine Rollen mehr bekommen. Bei Ihnen scheint das anders zu sein.

Juliane Moore: Man könnte auch sagen, dass ich einfach Glück hatte. Ein Film wie "The Kids are alright" zum Beispiel wäre beinahe nicht gedreht worden, weil plötzlich Geld fehlte. Dann kann man nicht sagen, ob er so gut aufgenommen worden wäre, wenn wir nicht auf Festivals wie der Berlinale gewesen wären. Und so weiter und so fort. Das Prinzip Zufall und Glück bestimmt so viel in diesem Geschäft.

Berliner Morgenpost: Der Erfolg, den Sie haben, scheint ein sehr schöner zu sein. Sie tauchen nur extrem selten auf den bunten Seiten auf.

Juliane Moore: Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich dem Erfolg nie so recht getraut habe. Schon als junge Schauspielerin habe ich immer gedacht, es kommt jetzt sofort der Moment, in dem man mich nicht mehr haben möchte.

Berliner Morgenpost: Konnten Ihre Eltern bei diesen Ängsten helfen?

Juliane Moore: Mein Vater war... wie soll ich das am besten sagen? Ein harter Hund, das trifft es vielleicht am besten. Er ist ja Militärrichter gewesen. Und ein wenig dieser Strenge im Amt habe ich auch als Kind gespürt. Ob es nun darum ging, zum Beispiel Deutsch zu lernen oder sich in der Schule anzustrengen, er hat immer darauf geachtet, dass ich eher zuviel als zuwenig gebe.

Berliner Morgenpost: Wie viel Privates fließt in eine Tragikomödie wie "Crazy, Stupid, Love" ein? Jeder von uns kennt Trennungs-Situationen.

Juliane Moore: Stimmt. Aber Sie können mir das wahrscheinlich hier nicht vorspielen. Und das macht den großen Unterschied. Eines meiner großen Hobbys heißt: Sich vorstellen, was wäre wenn. Das mache ich zu gern. Und genau so gut funktioniert das auch auf dem anderen Weg. Wenn ich eine Ehefrau spiele, die unter der Trennung von ihrem Mann leidet, stelle ich mir schon vor, wie das jetzt wäre, wenn ich selbst in solch eine Situation kommen würde. Aber zum Glück ist alles nur Spiel. Ich komme also nicht depressiv nach Hause und meine dann zu meinem Mann: "Schatz, wir müssen reden!".

Berliner Morgenpost: Julianne Moore kennt man als Schauspielerin, die fast alles spielen kann. Aber man sieht Sie nur selten in Komödien. Liegt Ihnen diese Seite des Berufs weniger?

Juliane Moore: Das würde ich nicht sagen. Ich habe schon eine lustige Seite. Wenn ich an Filme wie "The Big Lebowski" denke oder "Cookie`s Fortune". Und hoffentlich bin ich auch in diesem Film lustig. Generell denke ich ja, dass im Alter die Tragödie immer mehr den Reiz verliert und das Leben an sich komischer wird.

Berliner Morgenpost: "Crazy, Stupid, Love" kann man auch als Therapiefilm sehen. Viele Paare fragen sich nach 20 Jahren Beziehung: Trennen oder bleiben?

Juliane Moore: Wissen Sie, ich bin in diesem Fall immer recht radikal. Ich bin dafür, dass man etwas Schmerzhaftes tut. Sich hinsetzen und reden, was man will und was nicht! Bei diesem Film ist es so, dass beide Partner in ihren Welten leben und kaum noch Berührungspunke haben. Deshalb ist es gut, dass sie am Anfang den Schnitt macht und die Scheidung einfordert. Nur so bekommt sie ihren Partner wach. Der Punkt ist übrigens so realistisch wie nur irgendwas. Keine Hollywood-Beschönigung. Die fehlende Auseinandersetzung ist leider in Millionen Partnerschaften Alltag.

Berliner Morgenpost: Steve Carell als Ihr Filmpartner denkt zu Beginn des Films, dass Sie jemand anderen möchten.

Juliane Moore: Typisch Mann! Dabei möchte meine Filmfigur keinen anderen, sondern etwas anderes. Sie möchte, dass sich etwas ändert!

Berliner Morgenpost: Wie ist das im Hause Moore geregelt? Sind Sie eher diejenige, die Probleme anspricht?

Juliane Moore: Um ehrlich zu sein, bin ich mit meinem Mann (der Regisseur Bart Freundlich) erst seit 15 Jahren zusammen. Das fühlt sich für mich noch unglaublich frisch. Generell bin ich es wohl, die Probleme anspricht. Aber wir haben zum Glück noch nicht diese Starre in unserer Partnerschaft erreicht. Ich glaube ja fest daran, dass man sich hin und wieder mal aus der Familiensituation ausklinken und vor Augen führen muss, dass man nicht als Vater und Mutter zur Welt gekommen ist, dass man mal ein verliebtes Pärchen war.