Anna Netrebko in der Waldbühne

Wer mitsummt, wird niedergezischt

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Opernsänger singen sich selten die Lippen wund, auch wenn sie noch so sehr schmettern und toben. In der Waldbühne herrscht allerdings der Ausnahmezustand. Jonas Kaufmann steht auf einmal mit einer blutenden Lippe da. Was ist dem Draufgängertenor passiert? Ein Liebesbiss von Anna Netrebko, ein leidenschaftlicher Zusammenprall mit der Diva?

"Es war nur gespielt", entschuldigt sich kokett die Operndiva. Aber was heißt hier "nur"? Wenn sich die Netrebko mit dem Kaufmann in die große Liebesszene aus dem dritten Akt der "Manon" vertieft, dann fliegen nicht nur die herrlichen Stimmen einander zu. Wenn er ihren nackten Rücken streichelt und sie zärtlich seine Locken liebkost, fragt man sich schon, ob das Anna Netrebkos Verlobten ganz kalt lässt. Aber der steht ja hinter der Bühne. Freilich lässt es sich Erwin Schrott nicht nehmen, vor dem Terzett aus "I lombardi" dem verwundeten Kollegen ein Papiertaschentuch an die Lippe zu halten und das blutvolle Tuch dem Publikum zu zeigen. Womöglich war es doch nur dick aufgetragener Lippenstift?

Alle drei Sänger geben an diesem Abend ihr Bestes, und das ist grandios viel. Sie harmonieren nicht einfach miteinander. Sie sind drei ausgeprägt unterschiedliche Sängertypen. Beim "Gipfeltreffen der Klassikstars" spornen sie einander zu Höchstleistungen an.

Anna Netrebko kleidet sich der Tageszeit entsprechend: erst in Sonnengelb, nach Einbruch der Dunkelheit dann in Nachtblau mit Sternengeglitzer. Einfach eindrucksvoll, wie sie das Leiden der Madame Butterfly auf kleiner Flamme schürt und immer weiter bis zum lauthals herausbrechenden, lodernden Flammenmeer anwachsen lässt.

Sie setzt brillante Höhepunkte und Spannungsbögen, die den Namen wirklich verdienen. Ihre Stimme hat volle, dunkle, dramatische Qualitäten hinzugewonnen, aber sie beherrscht nach wie vor auch die Kunst der leisen Töne. Als Leonora im vierten "Trovatore"-Akt wird sie nur ganz dezent begleitet. Wunderbar innig gestaltet sie diese nuancenreiche Szene.

Gute Laune herrscht auf der Bühne und im Publikum. Wer mitsummt, wird trotzdem sofort niedergezischt. 18 000 Waldbühnen-Besucher möchten in entspannter Ruhe die drei Sternstunden genießen. Mit Marco Armiliato steht ein Dirigent vor der Prager Philharmonie, mit dem die Sänger schon oft bei wichtigen Anlässen zusammengearbeitet haben. Der Italiener hat Anna Netrebkos Berlin-Debüt und die erste Vorstellung von Jonas Kaufmann an der New Yorker Met geleitet. Er hält die Opernfäden solide zusammen.

Jonas Kaufmann, der Münchner Tenor, bekommt nicht weniger Applaus als seine Bühnenpartnerin. Mit Fliege und wohlfrisierten Locken wirkt er wie der Traditionalist im Dreierbunde. Erwin Schrott muss sich damit abfinden, dass sich seine Verlobte mit Tenören amüsiert, weil die Komponisten das so wollten. In diesem Jahr aber sind Netrebko und Schrott oft zusammen aufgetreten. In der Waldbühne konnte er wieder zeigen, dass mehr in ihm steckt als ein Prinzgemahl. Als Leporello, in einer seiner Paraderollen, singt er sich verführerisch in die Herzen des Publikums, während er den Modekatalog nach hübschen Frauen durchblättert. Sein lebhaftes Minenspiel ist auf zwei Leinwänden zu sehen. Vor den drei Zugaben und dem endlosen Jubel singen die Drei seltsamerweise aus einem Notenheft das "Faust"-Terzett aus dem fünften Akt, bei dem Anna Netrebko kurz danebenliegt. Sei's drum. Ein so perfekter Abend braucht kleine Schönheitsflecken.