Klaus Beyer

"Wir sind im gelben Unterwasserboot"

Ob der wohl einen Betreuer habe, fragt sich ein Mann mit Schürze hinter dem Tresen. Das sei ja nicht zum Aushalten, dieses Gejaule. "Drei Euro bitte; Fünfzig Cent Pfand ". Das Bier aus Bremen ist kühl, Wasser kondensiert an der Flaschenaußenwand. Der rote Salon der Volksbühne in Berlin Mitte hat sich in eine schwüle Opium-Höhle verwandelt.

Schummrig rotes Licht umspielt die funkelnden Kristalllüster an den vertäfelten Decken, schwere Samtvorhänge machen träge. Es wird Nacht. Die meisten der über hundert Gäste sitzen auf dem Boden vor der Bühne, so wie auf einer Schulfreizeit, wenn einer etwas aufführt; sie sind Anfang dreißig, tragen Hornbrillen, Oberlippenbärte, Stiefeletten: Szene-Volk.

Es ist die Eröffnungsnacht des Krake-Festivals, einem mehrtägigen Festival in verschiedenen Berliner Lokalitäten wie der Kantine des Berghains, dem Suicide-Circus und dem Festsaal Kreuzberg. Vornehmlich wird Elektronisches gespielt, dazu Video-Installationen; die moderne Form des Schattenspiels im Takt der Musik. Oft sind es wabernde Farben- und Form-Transpositionen vom Beamer auf die Leinwand projiziert.

Nach zwei DJs und einer experimentellen Orgeldarbietung mit Gesang tritt ein rundlicher, ungelenker Mann auf die kniehohe Bühne. Über der umgeschlagenen Jeans und dem Polohemd trägt er eine zu große Uniform, ganz in weiß mit Orden. Das Hochsteigen bereitet ihm sichtlich Schwierigkeiten. Er stützt sich auf eine Box. Einen Fuß nach dem anderen. Geschafft.

Klaus Beyer ist 59 Jahre alt, gelernter Kerzenzieher, Super-8-Filmer, Akteur der Berliner Subkultur, übersetzt, singt und interpretiert die Beatles. Er begann damit, die Stücke der Liverpooler ins Deutsche zu übersetzen, für seine Mutter. "Die konnte ja kein Englisch". Heuer ist das letzte aller Beatles-Alben übersetzt. Jedes Jahr erschien ein neues, die letzten 13 Jahre lang. Aus "Rubber Soul" wurde "Gummi Seele", aus "Abbey Road" die "Kloster Strasse".

Seine Interpretationen sind kindlich, naiv, verspielter Natur. Singen kann Klaus Beyer nicht. Seine Stimme ist ganz dünn und kraftlos, die korrekten Tonhöhen umkreist er jaulend im Gesang zum Halb-Playback des CD-Spielers. Pause. "Das nächste Lied ist für Sofia, die hat Geburtstag, ist aber nicht da." Play. Beyer singt "Geburtstag", "Birthday" auf Deutsch. Er ist Autodidakt, Art Brut. "Meint der das ernst?", hört man viele fragen. Und doch hängen die jungen Menschen mit ihren Flaschen und Gläsern an seinen Lippen, beobachten jeden noch so tapsigen Tanzschritt und singen lauthals mit: "Wir sind im gelben Unterwasserboot, Unterwasserboot, Unterwasserboot." Sein Manager Frank Behnke klatscht auf die eins und auf die drei in die Hände, seine Krawatte wackelt im Takt.

Klaus Beyer gibt seinen Zuschauern ein Stück Unschuld in einer schuldigen Welt. Ungeschminkte, ungefilterte, ehrliche Worte und Gesten. In einer Gesellschaft, in der man sich die Zähne und noch anderes bleichen lässt um perfekt zu sein, in der man einen Pippa-Po bestellen kann. Die im Leben und Beruf stehenden sitzen immer noch. Sie lachen, glucksen, sind zufrieden. Sie dürfen noch mal Kind sein, unter Aufsicht versteht sich. Klaus Beyer ist heut' Abend ihr Betreuer.