Geschichten

Leonore, eine zornige Sängerin

Einmal erreichte mich ein vorwurfsvoller Brief. Er kam aus einem Altersheim, eine Sängerin mit dem schönen Vornamen Leonore hatte ihn geschrieben. Ob sie je im Leben die Leonore Beethovens hat singen dürfen, bleibe dahingestellt.

Ich hatte jedenfalls nichts über diese aufsässige Altersheim-Leonore geschrieben. Sie hakte sich an einem Text fest. Der Abend, der mir so missfallen hatte, hatte sie offenbar glücklich gemacht. Sie schrieb wörtlich: "Ich sitze gerade auf dem Klo. Noch habe ich Ihren Artikel vor Augen. Gleich werde ich ihn hinter mir haben." Na so was! Dafür hat man doch das wohltuend-behagliche Toilettenpapier erfunden.

Die Ärmste konnte ja nicht wissen, dass ich sie in dem, was sie wahrscheinlich ihre Glanzzeit nannte, hatte singen hören. Wozu Autogrammbücher so alles taugen! Auch Leonore hatte ich einmal um ihren Namenszug gebeten. Das war am 4. Dezember 1940, als sie in Berlin-Friedrichshagen mit dem Städtischen Orchester unter Fritz Zaun auftrat und sang. Ich war damals noch kein Kritiker, sondern nur ein sechzehnjähriger, musikbegeisterter Schüler, den es in die Konzertsäle zog. Ich wanderte überhaupt nur einmal im Leben zum Musikhören nach Friedrichshagen am Müggelsee, wohin ich sonst einzig im Sommer zum Baden fuhr. Oder im Winter zum Schlittschuhlaufen.

Aber Fritz Zaun (1893-1966) gastierte dort mit seinem Orchester, und auf ihn (und einen billigen Podiumsplatz) war ich abonniert. Seine Kunst gefiel mir sehr. Ich besuchte alle seine Konzerte in der heutigen Hochschule für Musik. Ich liebte meinen Platz auf dem Podium, man sah der Musik sozusagen ins Auge. Ich las aus der Körpersprache Zauns mehr heraus als aus der Partitur. Außerdem war es natürlich hoch interessant, Seite an Seite mit den vielen freundlichen Musikern zu sitzen, die gern bereit waren, auf höfliche Fragen zur Musik ebenso höflich zu antworten. Es waren Familienkonzerte, genussreich und lehrreich zugleich.

Nur eben zu meiner Enttäuschung im lieblichen Friedrichshagen nicht. Leonore sang Schuberts "Der Hirt auf dem Felsen", der allerdings etwas wacklig klang. Ich war von ihrer vokalen Leistung herzlich enttäuscht, und diese Enttäuschung ist über geschlagene siebzig Jahre lebendig geblieben. Ausgerechnet durch sie hat sich Leonore betrüblicherweise bei mir eingeprägt. Beseligenderweise aber auch Schubert. Das aber war natürlich nicht allein Leonore zu danken. Im Kriegs-Berlin gab es für sie ungeheure Singkonkurrenz und zwar erster Klasse. Doch schnell noch einmal zurück zur armen Leonore. Ich schrieb ihr ein Postkärtchen ins Altersheim und erinnerte sie an den 4. August 1940.