"Midnight in Paris"

Schöne Stadt, falsche Frau

Vielleicht ist es ja auch einfach nur ansteckend. Bei Kenneth Branagh, dem imposanten Shakespeare-Darsteller, fiel es schon auf. Er beendete Sätze nur halb, zog die Stirn kraus, fuhr sich durch die Haare und war irgendwie...anders. Das Ganze war in "Celebrity" zu beobachten und nun ist das gleiche Owen Wilson widerfahren.

Er weiß nicht, wohin mit seinen Armen, als ob sie gerade frisch erst angewachsen seien, versteckt die Hände in den Hosentaschen und nimmt sie auch gleich wieder raus und murmelt halblaut in Gesprächen dazwischen. So spielt er sonst nie, so spielt er nur hier, bei "Midnight in Paris". Woody Allen hat beide Filme gedreht und es ist schon ziemlich kurios ihn auf der Leinwand zu sehen, gefangen in einem anderen Körper.

In seiner Tournee durch die schönsten Städte Europas ist Woody Allen nach London ("Match Point" und Scoop") und Barcelona ("Vicky Christina Barcelona) nun jedenfalls in Paris gelandet. Und so wie es klassische Woody-Allen-Darsteller gibt, so gibt es auch klassische Woody-Allen-Einstiege. Die Musik schunkelt, ein lang anhaltender Kameraschwenk über Panorama, der Zuschauer soll sich wohl fühlen, er soll sich nicht fürchten. So erstrahlt Paris, in der Nacht, im Regen, mit all den Sehenswürdigkeiten, unterlegt mit dem üblichen Chanson-Gedudel.

Die Hochzeit naht

Mit den Jahren hat Woody Allen Geschmack an gutaussehenden Darstellern gefunden und das Interesse an komplizierten Paarbeziehungen bewahrt. So ist nach drei Minuten klar: Gil (Owen Wilson) und Inez (Rachel McAdams) passen nicht zusammen. Er ist in Paris verliebt und würde am liebsten mit dem Baguette spazieren und das Klischee "Amerikaner in Paris" genüsslich ausleben. Inez ist mehr der pragmatische Typ: Shoppen, ein wenig Kunst und Architektur konsumieren, nobel essen gehen. Wie die beiden je zusammen kommen konnten - nun, man weiß es, wie so häufig nicht, aber nun sind sie verlobt, die Hochzeit naht.

Gil ist erfolgreicher Drehbuchautor in Kalifornien, aber möchte doch so gern Schriftsteller sein. Ein dickes Manuskript hat er schon, Inez hält das Unterfangen für eine Spinnerei. Und dann hat er noch den Tick, dass Paris früher aufregender gewesen sein muss, in den zwanziger Jahren. Etwas Märchenhaftes streut Allen ja gern in seine Filme und so darf Gil die Zeit wechseln. Ein alter, ein sehr alter Wagen kommt um die Ecke gefahren, ein Gelage wird gefeiert, Gil solle einsteigen, er nimmt seinen Mut zusammen und ist kurz darauf in einer Gaststätte, Charleston-Klänge sind zu hören, die Herren tragen tadellose Anzüge und Pomade, die Frauen Boas und Bubikopf.

Eine traumhafte Reise beginnt: Er lernt Scott Fitzgerald (der gerade den Grundstein für sein Alkoholproblem legt) und Frau Zelda kennen und Ernest Hemingway (in der Synchronisation aufgeplustert und kaum zu ertragen) ist der selbstbewusste Macho. So wechselt er Nacht für Nacht das Zeitalter, er bringt Gertrude Stein sein Manuskript zur Probe mit, er lernt Pablo Picasso und seine Geliebte Adriana (Marion Cotillard) kennen, in die sich Gil auch verguckt. Henry Miller darf nicht fehlen, genauso wenig Salvatore Dali und Luis Buñuel. Das ist alles so arty, dass der Film in Cannes Liebling der Kritiker war. Er war jedoch auch ein Erfolg beim Publikum, über 40 Millionen Dollar spielte die Liebeskomödie in den USA ein, nominal mehr als jeder andere Allen-Film, sogar mehr als "Hannah und ihre Schwester" (die Zahlen sind nicht inflationsbereinigt, aber lassen wir die Besserwisserei).

Man gönnt ihm dem Erfolg, gerade nachdem Woody Allen Anfang der Nullerjahre einige erschreckend bemühte Filme herausbrachte. Aber es hat natürlich etwas Entlarvendes, wenn ausgerechnet er, der sich immer wieder über die Millionen-Maschinerie Hollywoods erhob, genau mit einem klassischen Mittel der Studios in L.A. operiert und dank des Einsatzes prominenter Schauspieler wieder auf die Erfolgsspur zurückkehrte. Setzte er zuvor Scarlett Johansson und Penélope Cruz ein, so tritt nun Carla Bruni in einer Nebenrolle als Fremdenführerin auf. Wirklich sehenswert ist Michael Sheen, bekannt aus "Frost/Nixon" und der "Queen"-Verfilmung, der einen unangenehmen Intellektuellen spielt. Er monologisiert endlos, belehrt seine Zuhörer über Versailles und Claude Monet und weiß natürlich auch alles besser als Fremdenführerin Bruni. Sheen. Er kommt einem so aus dem Leben gegriffen vor, wenn er über den Abgang des Weins urteilt: "Ich ziehe die rauchige Note einer fruchtigen Note vor".

Romantisch und unbeschwert

In den Nebensträngen ist der Film sehenswert, so wie die erfrischend materialistische Inez samt ihrer dekadenten Eltern. Die Haupterzählung - der Blick in die Zwanziger und die endlose Reihe an Berühmtheiten, die kurz vorbeischauen und sich wie in einer Nummernrevue verabschieden - schwächelt genauso wie die Botschaft, dass man lieber in der Gegenwart leben sollte und die stete Rückschau das Leben verdunkelt. Ach was.

Nach seinen eigenen Maßstäben hat Woody Allen sein Ziel erreicht. Er habe, sagt er, einen "romantischen und unbeschwerten Film drehen wollen." Mehr ist er nicht. Aber auch nicht weniger.