Konzert

Weltschmerz, Pathos, Dandytum: The Hurts in der Zitadelle

Die Zitadelle füllt sich langsam. 7500 Besucher werden am Ende den neuen Königen der britischen Synthie-Weinerlichkeit namens Hurts beigewohnt haben. Zuerst stehen zwei Vorgruppen auf dem Programm, sie spielen gefälligen Pop von luftiger Leichtigkeit, der das Warten auf die Attraktion des Abends überbrückt.

Und verlängert. Denn hätten nur die Hurts auf dem Spielplan gestanden, wäre die Samstagnacht nach einer guten Stunde schon wieder zu Ende gewesen.

Sänger Theo Hutchcraft und Keyboarder Adam Anderson waren im vergangenen Jahr das ganz große Ding von der Insel. Mit ihrem Debütalbum "Happiness" und den Singles "Wonderful Life" und "Stay" stürmten die adretten Newcomer aus Manchester die Charts. Das Beste des Elektropop der 80er-Jahre haben sie sich vorgenommen und daraus ihren zeitgemäß aufpolierten, eigenen Stil kreiert, der gerade noch originell genug klingt, um nicht bloße Kopie zu sein und eingängig genug ist, um mit einem gewissen Wiedererkennungswert zu punkten. Und sie haben offenbar den Bühnengarderobier von Heaven 17 gleich mit engagiert.

Wuchtig-düstere Synthesizer-Wände bauen sich punkt Viertel vor Zehn brummend auf. Die Dämmerung ist bereits hereingebrochen, was dieser Musik gut tut. Niemand braucht solch tragische Lieder von Hoffnung und Verlust im strahlenden Sonnenschein. "Mit "Silver Lining" beginnt die Show wie das Album. Auf der Bühne finden sich als Verstärkung ein Gitarrist, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und ein Streichquartett; beim schmachtenden "Wonderful World" gleich als zweitem Stück stoßen noch zwei extrovertierte Ausdruckstänzerinnen dazu. Theo Hutchcraft geriert sich als meist traurig dreinblickender Pop-Dandy mit genau jener bewegenden Stimme, derer eine so melodramatische, pathetische Musik bedarf. Er bewegt sich in edler, weltvergessener Pose und hält immer wieder den linken Arm hinter dem Rücken, gerade so, als wolle er noch etwas besonders herben Wein nachschenken. Wäre der Sound nicht so perfekt und die Lichtregie nicht so ausgetüftelt, man käme sich vor wie bei einer 80er-Jahre-Party.

Dabei spielt beim Erfolg der beiden gelackten Entertainer auch ihre Geschichte eine nicht unerhebliche Rolle. Sie hatten nichts. Sie waren arbeitslos. Sie versuchten sich an zwei erfolglosen Bands. Sie konzentrierten sich schließlich auf ihr Duo-Projekt. Die Musik wurde zum Strohhalm, an dem sie sich aus ihrer persönlichen Misere gezogen haben. Mit ihren Liedern landeten die melancholischen Dressmen erst auf der Bühne der Berliner Fashion Week und schließlich unter dem Dach von Four Music, dem Plattenlabel der Fantastischen Vier. Ein so rasanter Aufstieg, der wahr gewordene Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Das imponiert. Der Erfolg war irgendwann so medienwirksam wie unaufhaltsam.

Die Show kommt schnell mächtig auf Touren, mal wummert keyboardlastig der Disco-Beat, dann wieder wird es ganz sentimental wie bei der wunderschönen Ballade "Verona". Viel dräuendes Moll, viel Tastenbrimborium, viel hymnenhafte Leidensfähigkeit. Hutchcraft dirigiert die Massen, lässt jubeln und singen. Er kostet den Höhenflug aus. Man spürt das. Man gönnt es den beiden geschniegelten Underdogs. Doch einen neuen Song gibt es nicht, das begrenzt das Live-Repertoire.

Hutchcraft fordert das bunt gemischte Publikum bei "Stay" auf, ein Lichtermeer aus beleuchteten Handys zu entfachen. Es klappt. Und natürlich singen alle den "Stay"-Refrain im glutrot wirbelnden Konfettiregen mit. Der Sänger bedankt sich mit großer Geste - und nach genau 60 Minuten ist die Show zu Ende. Genau die richtige Länge, um nicht doch noch eine gewisse Langeweile aufkommen zu lassen. Eine Tanzeinlage mit Streicherbegleitung und "Better Than Love" samt gleißendem Feuerwerkstusch gibt es noch als Zugabe.