Kino

Wenn das Alien zweimal klingelt

Morgen startet das Fantasy Filmfest. Die Zeit der Eingeweide und Blutfontänen ist vorbei, es geht origineller und auch subtiler ans Grauen.

Gut 50 Filmfestivals gibt es in Berlin, manche legen den Schwerpunkt auf bestimmte Länder, andere sind thematisch orientiert und bedienen mehr oder weniger kleine Nischen. So unterschiedlich das Angebot auch ist - der filminteressierte Berliner kann vom Poesiefestival, über die Baltische Filmwoche bis zum Pornofestival nahezu jedes Interesse befriedigen - eins haben die meisten Festivals gemein: Sie kämpfen erst seit wenigen Jahren um Besucher. Die Konkurrenz ist groß, der Verdrängungswettbewerb erst recht; wenn es ein Festival da also schafft sein 25. Jubiläum zu feiern, ist das eine bemerkenswerte Leistung. Umso mehr, wenn dies ohne öffentliche Förderung gelingt, so wie es das Fantasy Filmfest seit seinen Anfängen tut. Gut 70 Filme aus den Bereichen Thriller, Horror, Science-Fiction und Fantasy sind dieses Jahr zu sehen, eine breit gefächerte Filmauswahl aus aller Welt, die wie schon in den letzten Jahren gut 120 000 Genrefans in die Kinos ziehen wird. Aber es war ein langer Weg, bis es zum nach der Berlinale bestbesuchten Filmfestival Deutschlands wurde.

Als im Herbst 1987 das erste Fantasy Filmfest stattfand, waren Horror und Fantasy noch weitestgehend ein vom Mainstream verpöntes Nischenprogramm, auch wenn die Horrorfilmwelle der 70er Jahre einiges verändert hatte und bisweilen sogar aufstrebende junge Regisseure wie Brian de Palma, John Carpenter oder David Cronenberg Genrefilme drehten. Zu Beginn war das Festival ein Liebhaberobjekt, gegründet von Rainer Stefan, der bis zum heutigen Tag die Fäden in der Hand hält. Schon während der Schulzeit hatte er als Filmvorführer gejobbt und vor allem mit Hans-Peter Jansen einen Freund, der ein Kino besaß. Und so entstand die Idee, ein Festival in Hamburg zu gründen. Schnell expandierte das Festival in andere Städte, 1989 kam München als Spielort hinzu, ein Jahr später Berlin und inzwischen findet es bundesweit in sieben Städten statt. Gut 70 Filme umfasst das Programm jedes Jahr, wobei die Auswahl sich zunehmend schwierig gestaltet, was nicht zuletzt an der steigenden Akzeptanz des Genres liegt: "Unsere große Konkurrenz sind die Festivals von Toronto und Venedig, die zunehmend Genrefilme zeigen. Das Crossover ist viel größer als früher. Gut die Hälfte unseres Programms könnte man als Arthouse-Filme bezeichnen, auch wenn sie Genrefilme sind", sagt Rainer Stefan.

Vom französischen Polizeithriller "Point Blank" bis zum deutschen Endzeitfilm "Hell", vom israelischen Slasher-Film "Rabies" über den chinesischen Kampfsportfilm "Shaolin" wird die ganze Bandbreite des Genrekinos abgedeckt. Der Festivalleiter: "Ich finde es gut, dass die reine Spekulation auf Gewalt nicht mehr funktioniert. Eingeweide zu zeigen auf Teufel komm raus, wie es in den 80er Jahren gemacht wurde, das ist vorbei." Wobei gerade das handgemachte vieler früher Horrorfilme, die mit einfachsten Mitteln und meist geringen Budgets entstanden, durchaus seinen Reiz hatte. Ein Problem sind die immer günstiger werdenden Computereffekte. "Das nimmt den Filmen etwas den Charme. Man staunt nicht mehr so, fragt sich nicht wie früher, wie denn das gemacht wurde, als noch nicht alles aus dem Computer kam, sondern wirkliche Sets gebaut wurden."

Gerade in großen, teuren Produktionen hat diese Entwicklung zu einem Verlust an Originalität geführt, die scheinbar diametral zu den Kosten verläuft. Das kann man an zwei Filmen des diesjährigen Festivals sehen, die thematisch verwandt sind, aber qualitativ weit voneinander entfernt sind: Sowohl der Hollywood-Film "Cowboys & Aliens", als auch der britische Film "Attack the Block" zeigen die Invasion von Aliens in jeweils überraschendem Kontext: Der eine im Wilden Westen der andere in einem Sozial-Wohnblock im Süden Londons. Und während sich der Einfallsreichtum der gut 200 Millionen Dollar teuren Hollywood-Produktion weitestgehend in einer ironiefreien Gegenüberstellung von Cowboys und Aliens erschöpft, sprüht der ungleich günstiger produzierte britische Film vor Witz, Originalität und subtil eingestreutem Sozialkommentar. Die außerirdischen Wesen sehen dabei zwar eher krude aus, doch was nützen perfekt animierte Computerbilder, wenn dabei die Seele vergessen wird.

Wie sich diese beiden Sphären vereinen lassen, zeigt der nachgerade klassische Eröffnungsfilm des Festivals "Don't Be Afraid of the Dark." Schauplatz ist ein altes, herrschaftliches Haus, in dem ein kleines Mädchen von im Keller lebenden, hinterhältigen kleinen Dämonen erschreckt wird. Weniger auf plakative Schockeffekte setzt diese Produktion des mexikanischen Genre-Meisters Guillermo del Toro, als auf subtile Gruselszenen. Ein idealer Auftakt.

Fantasy Filmfest Berlin , 16.-24. August Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center