Interview

"Ich bin ein bisschen solider geworden"

Heute noch singt sie bei den Salzburger Festspielen in einer konzertanten Aufführung von Tschaikowskys lyrischer Oper "Iolanta", doch schon am Dienstag kommt sie - mit ihrem Lebensgefährten Erwin Schrott und Tenor Jonas Kaufmann - zum "Gipfeltreffen der Superstars" in die Berliner Waldbühne. Ludwig Heinrich sprach mit der Russin Anna Netrebko im Salzburger Festspielhaus.

Berliner Morgenpost: Ist es manchmal auch problematisch, Anna Netrebko zu sein?

Anna Netrebko: Im Prinzip ist es wunderbar, berühmt zu sein. Das ist es ja, wovon viele Leute träumen. Die große Herausforderung bleibt für mich, immer mein Bestes zu geben. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Meine schwierigsten Momente sind, wenn ich etwas absagen muss. Das ist jedes Mal schmerzlich.

Berliner Morgenpost: Sie werden oft als "Diva" bezeichnet. Fühlen Sie sich als solche?

Anna Netrebko: Die Menschen scheinen dieses Wort zu mögen. Es beinhaltet einen Hauch von Glamour, Stärke, Stolz, Eitelkeit. Wenn "Diva" also bedeutet, dass ich stark, professionell und erfolgreich bin, dass ich Glamour habe, wenn es nicht mit schlechten Manieren in Verbindung gebracht wird, ist es in Ordnung.

Berliner Morgenpost: Sie sind auch für liebenswerte Natürlichkeit und Spontaneität bekannt. Nach einem Charity-Event am Wallersee in Österreich haben Sie barfuß auf einem Tisch getanzt.

Anna Netrebko: Das ist mein Temperament. Ich bin Russin, und russische Menschen lieben es, mit Freunden zu feiern und zu tanzen. Doch solche Sachen mache ich heute nicht mehr. Ich bin mittlerweile älter und ein bisschen solider geworden. Aber das Temperament ist immer noch da.

Berliner Morgenpost: Eine Wandlung auch der Familie zuliebe?

Anna Netrebko: Schon. Ich respektiere meine Familie sehr und vermeide verrückte Dinge.

Berliner Morgenpost: Erwin Schrott und Sie gelten als Traumpaar". Waren Sie füreinander bestimmt?

Anna Netrebko: Wir lieben einander jedenfalls sehr. Wir sind starke, verschiedene Persönlichkeiten, aber es läuft sehr gut mit uns.

Berliner Morgenpost: Ihr spektakulärster Erfolg bei den Salzburger Festspielen war "La Traviata". Jüngst aber haben Sie gesagt, dass Sie die "Traviata" nicht mehr hören können?

Anna Netrebko: Ich wollte damit sagen, dass man nicht ewig dasselbe Repertoire singen kann. Macht man das dauernd, berührt es einen ja nicht mehr. Aber das heißt nicht, dass ich nie mehr in "La Traviata" auftreten werde, ich habe sogar in nächster Zukunft einige Vorstellungen. Und Giuseppe Verdi generell: Natürlich liebe ich seine Musik, doch allzu viel gibt es bei ihm für mich nicht zu singen. Auch hat sich meine Stimme geändert, sie ist heute dunkler und schwerer. Da spielt dann die Technik eine ganz wichtige Rolle, und das ist es, woran ich arbeite und arbeite.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet Ihnen Musik überhaupt?

Anna Netrebko: Sie ist das Stärkste, alles Überstrahlende auf dieser Welt. Unsereiner ist nur Diener.

Berliner Morgenpost: Welche Musik hören Sie zu Hause?

Anna Netrebko: Keine. Zu Hause mag ich nichts hören. Wenn man tagsüber sechs bis acht Stunden probt, braucht man eine Pause.

Berliner Morgenpost: Können Sie mit Popmusik etwas anfangen?

Anna Netrebko: Ich würde gern ein Konzert von Lady Gaga oder U 2 besuchen. Aber ich komme einfach nicht dazu.

Berliner Morgenpost: Sie wollen ein Restaurant in Wien eröffnen?

Anna Netrebko: Momentan ist das nur eine Idee. Ich weiß, dass so was nicht einfach ist. Doch Erwin und ich gehen gerne gut essen, und uns interessiert sehr, wie die Speisen zubereitet und serviert werden.

Berliner Morgenpost: Welche Art von Restaurant schwebt Ihnen vor? Italienisch? Russisch?

Anna Netrebko: Ein Restaurant mit der besten Küche, die man sich vorstellen kann.

Berliner Morgenpost: Würden Sie selbst dort auch aufkochen?

Anna Netrebko: Ich denke, ich koche recht gut. Aber Erwin ist noch viel besser. Er ist bei uns zu Hause der wirkliche Küchenchef.

Berliner Morgenpost: Erwin Schrott hat jüngst eine Tango-CD veröffentlicht. Tanzen Sie Tango mit ihm?

Anna Netrebko: Er will ihn mir immer beibringen, aber ich bin, was diesen Tanz betrifft, nicht sehr talentiert.

Berliner Morgenpost: In Sotschi, Ihrer russischen Heimat, finden 2014 die Olympischen Winterspiele statt. Hat man Sie noch nicht eingeladen, bei der Eröffnungszeremonie zu singen?

Anna Netrebko: Doch, man hat. Und ich denke, ich werde das machen. Natürlich.

Berliner Morgenpost: Wenn die berühmte Fee kommen und Ihnen drei Wünsche freistellen würde, was würden Sie sich wünschen?

Anna Netrebko: Drei Wünsche wären mir zu viel. Einer genügt. Ich kann nicht zusehen, wenn andere leiden. In dieser Beziehung werde ich immer sensibler. Mein Wunsch wäre also, Menschen, die leiden, helfen zu können und sie glücklich zu machen.