Fernsehen

Start in die neue "Tatort"-Saison mit einer Schweizer Räuberpistole

Gerade hat Kommissar Reto Flückiger das Polizeigebäude von Luzern betreten, da fragt der alte Regierungsrat Mattmann mit den dicken Brillengläsern auf dem Gang, wer denn da unten sein Auto "parkiere". Flückiger wollte samt Segelboot noch mal schnell nach Italien, bevor er den Dienst antritt. Der offen feindselige Mattmann bedeutet ihm sogleich: "Nicht alle waren dafür, dass Sie den Posten bekommen."

Man muss sich das in einem kehligen Singsang vorstellen, denn "Wunschdenken" ist der erste Schweizer Beitrag zum "Tatort" seit zehn Jahren. So gibt es Besonderheiten der Sprache: "Kein anderes Format vermag jeden Sonntagabend Millionen von Zuschauern an den Bildschirm zu fesseln", freut sich Peter Studhalter, "Bereichsleiter Fiktion Schweizer Radio und Fernsehen". Der von Stefan Gubser gespielte Reto Flückiger wurde vom Bodensee nach Luzern versetzt und fungiert dort als "Leiter der Fachgruppe Delikte Leib und Leben".

Es handelt sich also um jene fremde, seltsame Welt der betulichen Behörden und des geduldigen Amtsschimmels, die der Kabarettist Emil früher nur geringfügig übertrieben dargestellt hat. Weil die Schauspieler einerseits gemütliches Schweizer Idiom sprechen sollen, andererseits für deutsche Zuschauer verständlich sein müssen, hat man die Dialoge offenbar nachsynchronisiert, was jetzt so wirkt, als hätte man es mit einem skurrilen französischen Krimi zu tun.

Ein Kleinganove ist im See ertrunken, ein Regionalpolitiker wurde entführt, und die Polizei ist gerade unterbesetzt: So muss der Fachgruppenleiter Flückiger seinen Segeltörn verschieben und die Ermittlungen aufnehmen. Ihm zur Seite steht die amerikanische "Austauschpolizistin" Abby Lanning (Sofia Milos, sonst in "CSI: Miami" zu sehen). Die hat früher in der Schweiz gelebt, spricht perfekt Deutsch und sagt manchmal "Sorry". Nach einer gescheiterten Geldübergabe stellt sich heraus, dass der ertrunkene Kleinganove und der entführte Politiker zusammenhängen, beider Ehefrauen haben lange melodramatische Auftritte, dazu kommen ein gieriger Detektiv und die Belegschaft eines Fitness-Studios. Autor Nils-Morten Osburg hat diese Räuberpistole mit Wendungen versehen, die auch an jedem anderen Ort unglaubwürdig wären, im friedlichen Luzern aber haarsträubend wirken.

Und doch ist dieser von Markus Imboden merkwürdig verschlurft inszenierte Film nicht ohne Reiz: Stefan Gubser, der bisher mit der herben Eva Mattes flirten musste, erweist sich als ein sehr männlicher, nicht mehr junger, gesichtsgegerbter Beau der alten Schule, der alles schon gesehen hat, zur Not auf dem Boden schläft und weiß, wann ein Fall wirklich abgeschlossen ist. Einer wie Robert Forster, der stoische Kautionsvermittler in Quentin Tarantinos "Jackie Brown". Er zaudert nicht, er steht. Mit der etwas zu schönen Sofia Milos liefert Gubser sich ironisch-erotische Schlagabtäusche, die vielleicht nicht an Katharine Hepburn und Spencer Tracy, aber doch an Angelina Jolie und Brad Pitt heranreichen.

Ursina Ladi, zuletzt in beinahe jedem "Tatort" zu sehen, gibt wieder eine hysterische Trinkerin; die Schauspielerin ist sogar Schweizerin. Und den schönsten Namen und die schönste Szene des Films hat Sabina Schneebeli als Spurenermittlerin Yvonne Veitli. Vor allem zeigt "Wunschdenken", dass die Schweiz keine Fiktion ist. Dafür bürgt der Vorsteher des Justiz-Departements!

ARD, Wunschdenken, heute, 20.15 Uhr