Kunstsache

Wie ein gezeichneter Faun die Kunstwelt verrückt macht

Manchmal tun mir die jungen Künstler leid. Mittlerweile zahlt der Markt für manche von ihnen unglaubliche Preise. Da muss der Druck zum Erfolg enorm groß sein. Einer, der es trotz seines geringen Alters versteht, mit den Gesetzen des Kunstmarkts grandios zu spielen, ist James Hutchinson.

Der Kunststudent aus Glasgow las von einer Skulptur von Paul Gauguin, die bei Sotheby's für 20 000 Dollar versteigert wurde - später jedoch als Fälschung erkannt wurde. Hutchinson machte eine Zeichnung der Skulptur (die Darstellung eines verzagt herumsitzenden Fauns) und versteigerte sie unter der gleichen Losnummer wie das ursprüngliche Sotheby's-Los bei einer Benefizauktion seiner Universität. Danach tat es ihm leid.

Also fuhr er in die USA und besuchte Mark Landis. Landis war weltberühmt geworden, weil er versuchte, Museen selbstgefälschte Gemälde als Geschenke anzudrehen. Er trat dabei als Jesuitenpriester auf. Hutchinson beauftragte Landis, seine eigene Faunzeichnung zu fälschen. Verrückt? Ja, aber so ist die Kunstwelt. Die bestellte Fälschung einer abgezeichneten Fälschung ist für 120 Euro zu haben und mein Highlight bei der Absolventenausstellung von Glasgower Kunststudenten, die in der Galerie Sommer & Kohl zu sehen ist. (Bis 27. August, Kurfürstenstraße 13, Schöneberg)

Auch Imi Knoebel hat Anregungen für eine neue Idee bei einem früheren Werk gefunden. Allerdings hat er sich bei der einzigen Quelle bedient, die in diesem Fall wirklich zuverlässig ist - bei sich selbst. Der 71-jährige hat vor kurzem wohl den Höhepunkt seiner Karriere erreicht: Für die Krönungskathedrale der französischen Könige in Reims entwarf er sechs Kirchenfester. Knoebel griff dafür auf seinen Collagenzyklus "Rot Gelb Blau" aus dem Jahre 1978/1979 zurück. Die Vielzahl der zersplitterten, Formen, die er damals mit dem Cutter aus Papier schnitt, eignete sich nun vorzüglich zum freien Kombinationsspiel von farbigen Glasbruchstücken auf der zu füllenden Fensterfläche. Die Galerie Fahnemann zeigt jetzt die Ursprungscollagen als eine Serie von 54 Originalsiebdrucken. Ein Malstrom der Farben: dieses kreischende Zitronengelb, dieses gewittrige Blau, dieses blutschorfige Rot. Grandios! Man ahnt hier, welche Großtat Knoebel in Reims vollbracht hat. Und doch: Wer die Fotos von den bunten Lichtflecken auf dem Kirchenboden gesehen hat, der weiß, dass selbst der hervorragendste Siebdruck die Reise nach Reims nicht ersetzen kann. (Bis 3. September, Fasanenstraße 61, Charlottenburg)

Wer immer schon einen Brustabdruck der amerikanischen Tattoo-Königin Kat Von D. besitzen wollte, sollte jetzt nicht zögern. In der Galerie Strychnin kann man das Gipskunstwerk für um die 1000 Euro erwerben. Es ist verziert mit kleinen Figuren der Berliner Malerin Mimi S., deren Bilder sich auch ausgezeichnet auf Motorhauben tiefergelegter Golfs machen würden. Strychnin ist ein bisschen so etwas wie die "Nanu Nana"-Variante einer Berliner Kunstgalerie. Zurzeit macht dort das australische Straßenkultur-Magazin "Chicks on Powertrips" eine Ausstellung zu Verhaltensregeln für Frauen im 19. Jahrhundert - aber dann ist es nur viel Comic-Kunst und Gothic-Kitsch. Dazu zeigt die karitative Anti-Krebs-Stiftung "Keep a Breast Foundation" eine Gipsbrüsteparade, die von vielen Promis gestaltet wurde. Hollywood-Schaupieler und Boss-Model Jonathan Rhys Meyers hat ein Exemplar mit etlichen roten Kreisen bemalt und "Bewegliche Zielscheibe" darauf geschrieben. Geht's eigentlich noch platter? (Bis 4. September, Boxhagener Straße 36, Friedrichshain)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien