HipHop

Zwei Giganten befeuern sich gegenseitig

Der Thron steht in einem Reich, in dem Überfluss herrscht, die Herrscher schöpfen aus dem Vollen: die besten Studios, die begehrtesten Produzenten, die teuersten Samples. Geld spielt keine Rolle. Unter dem königlichen Projektnamen The Throne haben Jay-Z und Kanye West, die beiden größten HipHop-Stars der Gegenwart, zueinandergefunden und für ihr gemeinsames Album ein ganzes Bataillon von Künstlern einbestellt.

Jay-Zs Gattin Beyoncé ist zum Singen vorbeigekommen, aber auch der US-Folksänger Bon Iver, das britische Elektropop-Mädchen La Roux sowie die Indiggo Girls, ein multipel talentiertes Zwillingspaar aus Rumänien, von dem bislang noch niemand etwas wusste.

Dekadente Herausforderungen

Der tote Otis Redding singt in einem Stück die Melodie, und in einem anderen singt der ebenfalls längst verstorbene Curtis Mayfield. Die großartige Nina Simone stimmt noch einmal ihren Klassiker "Feeling Good" an, nur dass man ihre Stimme nicht erkennt, weil es Jay-Z und West gefiel, sie ein wenig zu verfremden. Und Seal, den zuletzt eher als Ehemann von Heid Klum aufgefallenen Soulstar, haben sie ebenfalls einbestellt, nur dass man ihn beim besten Willen nicht hört: er sang, um seine Stimme nach getaner Arbeit und Bezahlung anschließend wieder aus der Aufnahme zu tilgen. Es ist ja auch besser so. Was braucht man Seal, wenn man auch noch jüngere und weitaus aufregendere Künstler wie Mr. Hudson, Frank Ocean und Kid Cudi zur Verfügung hat?

Doch der Überfluss ist auch eine Last. Wenn alles, das einen umgibt, immer größer und prächtiger wird, bleiben Verantwortung und Probleme davon nicht ausgenommen. Kanye berichtet in dem Titel "Otis" von seinem "anderen ANDEREN Benz", und Jay-Z erklärt in "Who Gon Stop Me", dass er für all seine Uhren im Grunde acht Arme brauchte. Dabei geht es ihnen nicht nur um die praktischen Herausforderungen der Dekadenz, sondern auch um die Spätfolgen eines ausschweifenden Lebens. In "New Day" spricht Kanye zum Beispiel von den Erziehungsplänen für seinen bislang noch nicht existenten Sohn: "Ich werde ihm kein Riesenego gestatten / Er wird zu allen nett sein, wohin wir auch gehen / Ich meine, vielleicht werde ich aus ihm einen Republikaner machen / Damit jeder weiß, dass er weiße Leute mag / Und ich werde verhindern, dass er seine College-Liebe verlässt / und sich anschließend mit Groupies einlässt." Kurzum, Kanye West würde alles daransetzen, dass sein Sohn nicht so wird wie er: größenwahnsinnig, divenhaft, unberechenbar und maßlos.

Für Jay-Z ist es nicht das erste Mal, dass er sich mit prominenten Kollegen zusammentut. In den Jahren 2002 und 2004 veröffentlichte er zwei künstlerisch zweifelhafte Alben mit dem R&B-Sänger R. 5Kelly. Als es mit dem letzten Werk "Unfinished Business" auf Tour ging, sollten die Geschäfte tatsächlich unerledigt bleiben. Zwischen den beiden kam es zu kleinen Reibereien, in deren Folge R. Kelly von Jay-Zs Entourage mittels Pfefferspray außer Gefecht gesetzt wurde. Jay-Z erklärte später, dass R. Kellys Irrsinn auf Dauer einfach nicht auszuhalten war.

Gemeinsam auf dem Thron

Dieses Mal ist es allerdings so, dass er vom Wahnsinn des Kollegen profitiert. Jay-Z mag zwar immer noch der bedeutendste lebende Rapper sein, aber als solcher veröffentlicht er leider nicht immer die bedeutendsten HipHop-Alben. Während Kanye West wiederum der wichtigste lebende HipHop-Produzent ist, bei dem es jedoch mitunter mit dem Rappen hapert. Auf "Watch The Throne" befeuern sie sich gegenseitig. Kanye West fühlt sich als Rapper herausgefordert, und Jay-Z wird von West durch geradezu abenteuerlich komponierte Stücke geschickt, die jener mit seinen überschaubaren Mitteln als Vokalist gar nicht bewältigen könnte.

Für die Arbeit am Album haben sie sich sogar gemeinsam im Studio eingefunden - was in hohem Maße unüblich ist. Denn ein Leben im Überfluss geht bei Leuten wie Kanye West und Jay-Z immer mit einem eklatanten Mangel an Zeit einher. Wenn man also viele Autos und noch mehr Uhren hat, aber dummerweise auch einen Terminkalender, der es einem nicht erlaubt die Uhren spazieren zu fahren, dann ist man rettungslos in das Dilemma der beiden Rapper verstrickt. Dabei ist das nicht einmal selbst verschuldet, es geht um ein übergeordnetes Problem, es geht um ihre Rolle als schwarze Männer in Amerika. Stellvertretend müssen sie beweisen, dass man es bis ganz nach oben schaffen kann, allen Widerständen zum Trotz. Das Dilemma ist sozusagen überindividuell. Reichtum und Überfluss sind nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck von Behauptungszwang.

Folglich muss das Album auch optisch etwas hermachen. Die beiden ließen es im prächtigsten Gold gestalten, nicht geschmacklich fragwürdig und protzig, sondern mit Geschmack und Stil. Also hat Riccardo Tisci, Chefdesigner des Modehauses Givenchy, die Verpackung des Werks übernommen - ein zum Kreuz ausklappbares Cover, das auf seiner Vorderseite ein wenig an die Arbeiten von Jeff Koons und Takashi Murakami erinnert und auf der Innenseite mit allerhand Motiven bedruckt ist, die keine Verbindung mehr zur Bilderwelt des HipHop erkennen lassen.

In den letzten Jahren hat keiner den HipHop so sehr vorangebracht wie Kanye West. Er hat das Genre nach allen Seiten hin geöffnet - Richtung Mode, Richtung Kunst, er hat sogar hervorragend übergeschnappte Kurzfilme gedreht, die weniger an das Leben in US-Großstädten erinnern als an Arbeiten des europäischen Kinos.

Wenn also das Samplen genrefremder Sounds einst der Motor der zwischenzeitlich abgesoffenen Gattung war, hat West ihn wieder angeschmissen, weil er es längst nicht mehr beim Samplen von Musik belässt. Er nimmt, was ihm passend erscheint, sein System kennt keine Grenzen. Und dass er sich zusammen mit Jay-Z auf einen Thron setzt, der eigentlich nur für eine Person vorgesehen ist, zeigt, dass sie die Zwänge des Genres überwunden haben. Warum nur einen König haben, wenn es zwei geben kann? Früher wäre das nicht möglich gewesen.

Jay-Z & Kanye West: The Throne: Watch The Throne (Universal)