Interview mit Sasha Waltz

"Freiheit ist wie ein weißes Blatt"

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz hat 2005 ihre Liebe zur Oper entdeckt und Purcells "Dido & Aeneas" inszeniert. In der Waldbühne zeigt sie nun am 27. August ihre, wie sie es selbst nennt, choreografische Oper. Volker Blech sprach mit Sasha Waltz über das riskante Non-Profit-Unternehmen, über vegetarische Picknickkörbe, innere Freiheit und ihren Entwurf für das Berliner Einheitsdenkmal.

Berliner Morgenpost: Frau Waltz, mit zwölf Tänzern in die Waldbühne zu gehen, ist schon mutig, aber obendrein mit einem 7000-Liter-Wasserbecken?

Sasha Waltz: Dieses Wasserbecken ist schon viel gereist, wir haben die Oper schon auf vielen Bühnen der Welt gespielt.

Berliner Morgenpost: Warum gerade die große Waldbühne für eine kleine Barockoper?

Sasha Waltz: Die Waldbühne gehört für mich zu den schönsten Open-Air-Bühnen in Europa. Aber die Idee dazu ist in Lyon entstanden, wo es ein römisches Amphitheater für 5000 Zuschauer gibt. Als wir dort "Dido & Aeneas", worin die Götter, die Kräfte der Natur eine große Rolle spielen, aufführten, zog ein Gewitter auf, und das kurz vor Didos Lamento. Das war ein Naturerlebnis.

Berliner Morgenpost: Das Projekt ist als ein Non-Profit-Unternehmen angekündigt. Wer trägt das Risiko? Wer hat die schlaflosen Nächte?

Sasha Waltz: Wir tragen das Risiko selbst. Wir haben keine kommerziellen Mittler. Unsere Projekte entwickeln wir immer mit den unterschiedlichsten Partnern, die uns gute Konditionen für ihre Leistungen machen. Man kann schlaflose Nächte haben. Der ganze Abend ist ein einziges Abenteuer.

Berliner Morgenpost: Das ganze Projekt klingt auch ein wenig alternativ. Es gibt vegetarische Picknickkörbe, es fließt Unterstützung in Berliner Straßenbäume.

Sasha Waltz: In der Compagnie denken wir seit Jahren über Nachhaltigkeit nach. Das geht nur über Partnerschaften, gerade beim Thema Natur. Deswegen unsere Verbindung zur Stiftung Naturschutz Berlin und dem BUND. 50 Cent jeder gekauften Karte fließt an die Kampagne "10 000 Bäume für Berlin!", die sich für den Erhalt der Straßenbäume in den Bezirken einsetzt. Das ist uns wichtig: Das Zusammenspiel zwischen Kultur und Natur.

Berliner Morgenpost: Sind Sie selbst Vegetarierin?

Sasha Waltz: Nein, ich bin keine strikte Vegetarierin. Aber es sind wichtige Themen. Deswegen haben wir versucht, alternative Vorschläge zu machen, zum Beispiel, dass sich die Leute selbst etwas zu essen mitbringen, und haben uns über das Angebot des Brandenburger Hofes, vegetarische Picknickkörbe anzubieten, gefreut.

Berliner Morgenpost: In der Waldbühne taucht überraschend Annette Dasch im Programm auf, die die Zuschauer zum Chorsingen überreden soll. Verlegen Sie damit den "Dasch-Salon" aus dem Radialsystem in die Waldbühne?

Sasha Waltz: Dort feiern wir auch das fünfjährige Jubiläum des Radialsystems. Folkert Uhde und Jochen Sandig hatten die Idee, etwas vom Radialsystem sichtbar zu machen. Annette Dasch ist eine gute Freundin. Die Idee des Festes, der Gemeinsamkeit, wird beim Chorevent noch einmal verstärkt. Ich finde es spannend, dass wir gemeinsam in diesem Freilufttheater singen wollen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Chorgesang eine der größten Bürgerbewegungen in Deutschland ist.

Berliner Morgenpost: Singen Sie mit?

Sasha Waltz: Ja, ich singe auch selber mit!

Berliner Morgenpost: Singen und tanzen: Soll so der Darsteller der Zukunft aussehen?

Sasha Waltz: Als Regisseurin finde ich es reizvoll, Interpreten zu haben, die Körper und Stimme nutzen können. Das ist Harmonie. Und Tänzer bringen dafür schon sehr viel mit, weil sie ihren Körper spüren können. Schon bei meinem frühen Stück "Zweiland" haben sie gesungen, aber das war zum Teil eher liebhaberisch.

Berliner Morgenpost: Das Berliner Einheitsdenkmal haben Sie gemeinsam mit dem Stuttgarter Kreativbüro Milla & Partner entworfen. Es ist eine Art Erinnerungsschaukel für Bürger geplant?

Sasha Waltz: Es ist keine Schaukel, keine Wippe und überhaupt nichts Lautes. Es ist eine große Plattform, die sich aus dem Boden löst, sich von der Geschichte ablöst. Es war ja ursprünglich ein Denkmal für Kaiser Wilhelm. Die Grundform bleibt erhalten und bestimmt den Umriss, und durch die Menschen, die das Denkmal begehen, wird es eine sanfte Bewegung geben. Es verändert ganz leicht den Blick auf die Umgebung.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie darauf gekommen?

Sasha Waltz: Wir wollten ein Symbol für den Mut der Bürgerbewegung, die den Fall der Mauer ermöglicht hat. Insofern musste es etwas sein, wo die Menschen ein Teil sind. Und nicht in Andacht vor einem Denkmal verharren. Es soll auch ein Ort sein, wo Menschen zusammen kommen. Dort können auch Veranstaltungen stattfinden, Diskussionsforen ebenso wie Konzerte. Dort können sich auch Schulklassen treffen. Es soll ein Denkort sein. Unser Modell wird den Begriff Denkmal neu definieren. Es geht um einen Ort der Freiheit.

Berliner Morgenpost: Welche Freiheit meinen Sie, eine künstlerische?

Sasha Waltz: Freiheit macht sich im Inneren aus, im Denken. Wir sind immer vielen Zwängen und Pflichten ausgesetzt. Aber ich als Künstlerin will immer meine innere Freiheit bewahren, weil ich sonst gar nicht funktioniere. Wenn Zwänge, nennen wir sie auch Verantwortungen, überhand nehmen, mein innerer Raum zu klein wird, dann kann sich meine innere Sprache nicht mehr entfalten. Sich immer wieder neu zu definieren, hat für mich viel mit Freiheit zu tun. Freiheit ist wie ein weißes Blatt.

Berliner Morgenpost: Vor vier Jahren hatten Sie das, was wir heute einen Burnout nennen. Was haben Sie daraus gelernt?

Sasha Waltz: Ich bin sehr dankbar für diese Krise, auch wenn sie schmerzhaft war. Ich glaube, ich habe mir danach viel innere Freiheit gewonnen. Zu dem Zeitpunkt habe mich nur noch als Ausführende empfunden. Ich konnte die unterschiedlichen Aufgaben, eine Compagnie zu führen, Künstlerin und Mutter sein, nicht mehr in der Waage halten. Ich musste lernen, Grenzen zu ziehen und auch Aufgaben abzugeben. Bis dahin habe ich beispielsweise mein Repertoire selbst gepflegt, danach habe ich Repetitoren eingestellt, was völlig normal ist bei einer Compagnie dieser Größenordnung. Ich habe gelernt, nein zu sagen.

Berliner Morgenpost: Was sind jetzt Ihre Prioritäten?

Sasha Waltz: Kunst zu schaffen und meine Familie.

Berliner Morgenpost: Es gibt jetzt auch eine Kindertanz-Compagnie. Solche Projekte entstehen meist, wenn Künstler selber Kinder im entsprechenden Alter haben?

Sasha Waltz: Es begann eigentlich damit, dass ich für ein Jahr an einer Schule unterrichtete. Daraus ist im Radialsystem eine Kindertanzgruppe entstanden. Ich finde das sehr wichtig. Ich habe beobachtet, dass manche Kinder nicht einmal rückwärts laufen können. Sie können kein Rad schlagen, keinen Handstand, keinen Kopfstand. Das ist für mich wie Buchstabieren. Die geistige und die motorische Schulung gehören zusammen. Durch die ganzen medialen Entwicklungen wird es immer weniger, die Kinder sind am Computer nur mit den Fingern beschäftigt. Das ist zu wenig.

Berliner Morgenpost: Machen Ihre eigenen Kinder auch in der Compagnie mit?

Sasha Waltz: Ja. Deshalb ist es mir als Thema so nah.

Berliner Morgenpost: Der Name Sasha Waltz ist längst auch zu einer Marke geworden?

Sasha Waltz: Ich bin Künstlerin. Das ganze System drum herum ist etwas, was mir eher fremd ist.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihr größter Traum?

Sasha Waltz: Das darf man nicht aussprechen. Träume soll man mit den Sternen diskutieren.

Waldbühne Purcells "Dido & Aeneas" als choreografische Oper von Sasha Waltz beginnt am 27. August um 20.30 Uhr. Als Ouvertüre wird ab 19 Uhr die Berliner Starsopranistin Annette Dasch ("Dasch-Salon") gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik und dem Dirigenten Chris Moulds eine Chorszene aus "Dido & Aeneas" mit dem Publikum einstudieren. Partner ist der Deutsche Chorverband. Tel. 47 99 74 33