Konzerthaus

Wenn die Polen kommen, geht das Festival richtig los

Beinahe könnte man meinen, immer erst wenn die jungen Polen das Podium im Konzerthaus besteigen, geht das "young.euro.classic"-Festival richtig los.

So auch diesmal. Das "Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus" pfeift gewissermaßen auf die eigene Jugendlichkeit und gibt sich auf Anhieb als annähernd professionell zu erkennen. Es spielt nicht an der Oberfläche dahin, es besitzt Einsicht, Verve, Temperament. Deshalb konnte es auch mit Fug und Recht die "Symphonie fantastique" von Berlioz als gewaltigen Schlusspunkt hinter ihr Programm setzen und alle ihre Anforderungen annähernd eine volle Stunde lang souverän erfüllen. Die jungen Polen reihen sich mit Anstand und Vehemenz längst unter die professionellen Orchester. Im Rahmen des wundervollen Berliner Zukunft-Festivals am Gendarmenmarkt sind sie im Grunde fehl am Platz. Aber auch in der Zukunft herzlich willkommen.

Musikalische Stolpersteine

Tadeusz Wojciechowski, der erfahrene Dirigent, eröffnete das Konzert mit Hindemiths Ouvertüre zu " Neues vom Tage". Der Titel führt natürlich heutzutage ein bisschen in die Irre, denn das Neue, auf das sich der Komponist beruft, liegt inzwischen 82 Jahre zurück. Was ist nicht alles, da wie dort, in dieser bitteren Zeit passiert? Das Neue vom Tage hat sich nur zu oft als das Schreckliche des Jahrhunderts erwiesen. Doch nichts davon bei Hindemith. 1929 scheint, zumindest in seiner Musik, die Welt auf durchaus ausgelassene Art noch in Ordnung, und lässt sich scheinbar selbst im ausgelassenen Hüpfschritt durchwandern. Nur auf die sorgsam einkomponierten musikalischen Stolpersteine muss man natürlich achten. Hindemith hat sie mit leichter Hand reichlich ausgesät, ohne dass sie das Orchester auch nur im Geringsten irritiert hätten.

Hauptwerk des Abends wurde, trotz Berlioz, die Symphonie Nr. 4 für Klavier und Orchester, die "Symphonie concertante" von Karol Szymanowski: ein Klavierkonzert, das sich vor sich selber zu fürchten schien. Der Klavierpart erscheint in ihm oft als nichts anderes als ein musikalisch herausfordernder Beipack, der Flügel als ein Orchesterinstrument, das auch gerne dabei sein möchte. Jan Krzysztof Broja hieb seinen Part mit Gusto und Könnerschaft tadellos in die Tasten.

Es ist überhaupt bedauerlich, dass man die Werke Szymanowski in Deutschland so selten zu hören bekommt. Sie sind höchst individuell, in jeder Hinsicht reizvoll und hörenswert, auch wenn sie sich einem auf Anhieb nicht gerade als unverlierbar einprägen. Sie geizen zwar nicht mit ihren Reizen, stellen sie aber gern unter den Orchesterscheffel. Es ist, als sei ihr Erfinder nicht gerade mit dem höchsten Selbstvertrauen ausgezeichnet gewesen. Nun war es ja gerade in Polen immer höchst schwierig, um Chopin, den Musikheiligen, herumzukomponieren. Bei aller Bewunderung für sein einzigartiges Werk schien es geradezu unüberwindbar. Darunter hatte auch noch Szymanowski zu leiden. Es wird Zeit, dass die Weltmusik ihm großzügigerweise endlich eine Bresche von Dauer schlägt.