Mozart

Liebesspiele am Wannsee

Nun ist klar, warum es um das Ungeheuer von Lochness in den letzten Sommerlöchern so ruhig geworden ist. Es ist mit einigen Artgenossen in den Wannsee gewechselt und jagt dort den armen Prinzen Tamino bis hinauf ins Strandbad. Dort wartet nicht nur die Rettung auf ihn, sondern auch Sarastro, Papageno, Pamina, ein Orchester und rund 4000 Zuschauer.

Alle wollen, dass er schön singt und seine Prüfungen besteht - und alle wollen natürlich dabei ihren Spaß haben. Mit Mozarts Oper "Die Zauberflöte" wurden die ersten "Seefestspiele" in Berlin eröffnet. Das Premierenpublikum fühlte sich bestens unterhalten und jubelte den Beteiligten am Ende zu.

Künstlerisch konnte eigentlich nur wenig schiefgehen: Regisseurin Katharina Thalbach, selbst Schauspielerin und ein geliebtes Berliner Original, war der Garant dafür, dass es nur zauberhaft verspielt werden konnte. Halbherzigkeiten sind nicht ihre Sache, selbst wenn die Probenzeit arg knapp ist. Thalbach legt ihr Märchenland augenzwinkernd irgendwo zwischen Ägypten, Tibet und dem Wannsee an. Das ganze illustre Treiben erfolgt um eine riesige, 17 Meter hohe Pyramide herum. Die wirkt unerschütterlich. Dabei hatte es im Vorfeld kräftig hinter den Kulissen gewackelt.

Mit dem Fahrrad zu Mozart

Dass man überall mit dem Fahrrad zu seiner "Zauberflöte" hingelangen könne, so beschrieb es kürzlich der Historiker Christoph Stölzl, sei eine Besonderheit am deutschen Opernbetrieb. Die frühere Kleinstaaterei hat viele Theater hervorgebracht, die bis heute - mehr oder weniger gut subventioniert - bespielt werden. Und die "Zauberflöte" steht mit rund fünfzig Neuinszenierungen pro Jahr nach wie vor an erster Stelle. (Noch vor Goethes "Faust".) Gerade in der Kulturferienzeit sind wagemutige private Kulturunternehmer gefragt. Die Berliner "Seefestspiele" waren schon eine schwere Geburt, die prächtige Pyramide selbst zur Wanderschaft verpflichtet. Musikfestspiele stampft man im bürokratiegeschützten und meinungsvielfältigen Deutschland nicht mal so aus der Erde. Und schon gar nicht aus der See. Ursprünglich sollte die Oper am Potsdamer Ufer der Havel stattfinden, das scheiterte an Protesten von Umweltschützern. Und auch am Wannsee regte sich Widerstand gegen zu laute Musik. Die Bühne musste vom Wasser ans Ufer verlegt werden. Katharina Thalbach lässt den Papageno mit einem Schlauchboot auf trockener Szene erschienen. Er wolle lieber auf dem Wannsee mit dem Schlauchboot fahren, sagt er, aber das darf er ja nicht. Im Publikum wird verständnisinnig gelacht.

Jetzt gibt es die "Seefestspiele", und nach diesem ersten Erfolg sollten sie auch bleiben - als feste Institution. Sie füllen eine Lücke im Berliner Opernsommerloch und sind obendrein mit dem Fahrrad gut zu erreichen. Veranstalter Peter Schwenkow hat bereits vorausschauend von Verdis "Aida" gesprochen, das ist eine der ABC-Waffen (Aida, Boheme, Carmen) im Opernrepertoire, mit denen man das große Publikum anlockt. Sogar von lebenden Elefanten ist die Rede. Womöglich landet er damit wieder in einem Porzellanladen voller Verordnungen.

Aber natürlich leben die "Seefestspiele" von Effekten. Von der Natur, dem Wannsee, von der imposanten Bühne, von der Klangkulisse und vom kleinen Feuerwerk auf der Pyramide im Finale. Das gehört zur besten sommerlichen Unterhaltung. Die "Zauberflöte" als Märchenoper bietet eine ideale Vorlage dazu. Mal abgesehen von der von Momme Röhrbein errichteten Pyramide mit einer Öffnung, die an ein Auge erinnert, hat sich Katharina Thalbach kaum auf das Freimaurerische der Oper eingelassen. Mozart wie auch der Librettist Emanuel Schikaneder gehörten einer Wiener Loge an, von deren Idealen einiges in die Handlung eingeflossen ist. Einmal noch wird am Wannsee Steine klopfend die maurerische Tempelarbeit im Reich des Sarastro vorgeführt, aber das war's. Große Ideale gehören eher ins Opernhaus, Openair muss es vergnüglicher, großflächiger zugehen. Bei Thalbach erinnert Andreas Hörl, der Sarastro, eher an den Dalai Lama, sein Priesterschaft sind leicht durchgeknallte Kungfu-Kämpfer. Hörl präsentiert sich in dunkelbassiger Schlichtheit. Seine Gegenspielerin Chelsey Schill, die Königin der Nacht, schwebt für ihre erste Arie in zwanzig Meter Höhe, von einem Lastarm getragen, heran. Die Koloratursopranistin macht großen Eindruck, auch wenn ihre Spitzentöne im dunklen Nachthimmel überm Wannsee manchmal keine Justierung finden. Der finstere Mohr Monostatos (gekonnt buffonesk: Marco Alves dos Santos) ist ein Piratenchef, seine tätowierten Leute könnten aber auch als eine Berliner Motorradgang durchgehen.

Papageno ist der Star

Aber genau genommen lebt diese Opernaufführung von einem - pardon - Nichtmusiker: Der Berliner Schauspieler und Kabarettist Guntbert Warns singt und spielt den Papageno hinreißend. Ihm ist zu wünschen, dass er nicht heiser wird bei seiner Hingabe und Präsenz. Er ist der Spielmacher im Singspiel, seine Texte sind auf witzige Weise modernisiert. Boh und nee wird er stöhnen, oder Mann, so geht das nicht. Und seinem Hang zu Frauen und Alkohol lässig nachgehen. Die Dialoge sind schlüpfrig für den, der es heraushören will. Anspielungen gehören zum Geschäft in dieser "Zauberflöte". Warns ist ein Papageno, wie man so sagt, aus dem Leben gegriffen. Trotz des merkwürdigen Kostüms, das Vogelhändler - dem Publikum zuliebe - immer tragen müssen.

Aber nur so kann ihm Pamina an den viel zu großen Füßen kitzeln. Voller Verspieltheiten und Niedlichkeiten ist diese Inszenierung, die man trotzdem keine Sekunde lang als kitschig empfindet. Die Thalbach bekommt so etwas hin. Sophie Klußmann ist die Vorzeigesängerin in dieser Aufführung, mit spielerischem Charme und ihrem dunkel gefärbtem Sopran verleiht sie der Pamina ein sympathisch-starken Charakter. Dagegen hat Musa Nkuna als Tamino kaum eine Chance, manchmal haben es lyrische Tenöre schwer. Getragen werden die Sänger von der Kammerakademie Potsdam, die in einem Zelt rechts von der Pyramide residiert und von Judith Kubitz souverän dirigiert wird. Ein zuverlässiges Klangbild schallt über das Strandbad. Mag sein, dass sich die Sänger manchmal etwas sehr nach dem Tempo des Orchesters richten müssen und das Spontane verloren geht.