Filmfest Locarno

Zimmer mit Aussicht

Hannah Herzsprung verschlägt es fast die Sprache. Sie stellt auf dem Filmfestival von Locarno ihren neuen Film "Hell" vor, ein Endzeitdrama, ungewöhnlich genug für eine deutsche Produktion. So etwas wie die heimische Version von "The Road", in der sie quasi, als weiblicher Viggo Mortensen, durch eine verdorrte, verbrannte, verendete Welt irrt.

Eben noch hat die Berliner Schauspielerin für die Fotografen gemeinsam mit Leslie Caron posiert, einem Weltstar. Die Caron wurde einst von Vincente Minelli entdeckt und ist jetzt hier, um die Minelli-Retrospektive zu präsentieren. Da stehen sie nebeneinander, die eine, gerade 80 geworden, und die andere, die demnächst 30 wird. Und dann geht es auf die Bühne. Hannah Herzsprung weiß schon, dass abends auf der Piazza Grande, wo die großen Publikumsfilme Open-air gezeigt werden, 8000 Zuschauer sitzen. Vor der schönsten Kinoleinwand Europas, 26 mal 14 Meter breit. Dagegen ist jede profane Kinovorführung gar nichts, geschweige denn ein Abend vor der Glotze.

Aber als sie dann wirklich auf der Bühne steht, vor den Massen, eingerahmt von der malerischen Altstadt der Tessiner Stadt, ist sie doch überwältigt. Packt beherzt ihr iPhone aus - und knipst ihr Publikum. Nicht ohne es vorher artig gefragt zu haben, ob sie das darf. Sie darf. 8000 Zuschauer bestätigen es klatschend.

Mit Baby in der Jury

Sandra Hüller residiert im Belvedere. Es ist das feinste Hotel vor Ort, über der Stadt gebaut, den Lago Maggiore zu Füßen. Zimmer mit Aussicht. Aber dafür hat die Schauspielerin kaum einen Blick. Erstens ist sie in diesem Jahr Mitglied der Internationalen Jury. Und dann hat sie auch noch andere Pflichten. Sie hat seit sieben Monaten eine Tochter. Und die trägt sie gerade im Babybag vor dem Bauch. Weil die Kleine nicht einschläft, kann sich Sandra Hüller leider nicht setzen. Sie läuft im Kreis um mich herum, während sie Fragen beantwortet. Kommt so eine Jury-Mitgliedschaft da nicht zur unrechten Zeit? Ganz im Gegenteil: Wäre sie nicht Mutter geworden, hätte sie sich keine Auszeit genommen. Dann würde sie ständig arbeiten. Nur so konnte die 33-Jährige überhaupt zusagen: Der Vater des Kindes ist ja auch hier, der übernimmt dann, wenn sie ins Kino muss. Das aber steht zwei, drei Mal pro Tag an. Deshalb hat sie bisher außer dem Kino auch nicht viel gesehen. Sie war noch nicht mal am See. Sie hat hier in der Gegend auch einen Teil von "Requiem" gedreht, mit dem sie vor fünf Jahren schlagartig einem großen Publikum bekannt geworden ist. Und einen Festival-Triumph auf der Berlinale feiern konnte. Jetzt darf sie selbst über die Preise entscheiden. "Mir ist schon bewusst, dass wir hier jemanden sehr glücklich und auch sehr unglücklich machen können." Juror und Mutter zu sein? Sie lächelt. Das ist irgendwie Antwort genug.

Achim von Borries hat die nicht. Der Regisseur hat seit 2004 zwar Drehbücher und Fernsehfilme, aber keinen eigenen Kinofilm mehr realisiert. Seit er selbst Vater geworden ist. "Man kann", sagt er, "nicht so viele Babys gleichzeitig haben." Jetzt aber ist er mit seinem jüngsten Werk in Locarno vertreten, "Vier Tage im Mai", eine deutsch-russisch-ukrainische Koproduktion. Und von Borries ist sehr nervös. Weil auch er sonst wohl nicht viel von der Stadt sehen würde, überreden wir ihn, die Madonna del Sasso zu besuchen. Eine Klosterkirche im Hang, ebenfalls mit spektakulärer Sicht. Dort soll einem Franziskanerbruder im 14. Jahrhundert die Mutter Gottes begegnet sein, seither ist Locarno der Wallfahrtsort der Schweiz. Wobei man heutzutage nicht mehr die steilen Stiegen erklimmen muss, sondern auch bequem mit der Seilbahn hierher gelangt. "Wo ist denn jetzt die Madonna?", fragt der Regisseur. Die Kirche ist im Bau, die Madonna in einer "Ersatzkapelle" ausgelagert, die man tatsächlich nicht sofort entdeckt. Von Borries ist nicht abergläubisch, aber eine Kerze zündet er denn doch an und er bekreuzigt sich auch kurz. Kann ja nicht schaden.

Sein Film ist schließlich sehr provokant. "Vier Tage im Mai" spielt in den allerletzten Kriegstagen, an der Ostseeküste prallen Russen und Deutsche aufeinander und wollen doch nicht mehr kämpfen. Am Ende tun sie es doch: Seite an Seite gegen andere Russen, um ein Waisenhaus mit deutschen Mädchen zu beschützen. Der Fall beruht auf einer wahren Begebenheit. Verkrustete Fronten weichen da auf, was aber von beiden Seiten eher verdrängt wurde. Der russische Schauspieler Aleksei Guskov hat den Stoff entwickelt. Und wollte von Borries für das Drehbuch gewinnen. Der sah sofort seinen Film darin - aber nur, wenn man das ganze Script noch einmal umschreibt. "Das war eine harte halbe Stunde für Aleksei", sagt er jetzt, im Schatten des Klosterhofes. Von Borries hat die Figur eines 13-jährigen deutschen Jungen erfunden, aus dessen Perspektive der Zuschauer diese Geschichte erlebt. "Ich konnte ja keinen russischen Film drehen."

Borries Film wird provozieren

Ein deutscher Kriegsfilm, in dem Deutsche Deutsche spielen und Russen Russen, das ist eine Rarität. Der Film wird provozieren. Es wird spannend sein, wie "Vier Tage im Mai" in Deutschland ankommt, wo er am 29. September startet, und in Russland, wo er Anfang nächsten Jahres anläuft. Nervös ist Borries aber vor allem jetzt - vor der Weltpremiere. Wir sind wieder auf der Piazza. Und nun hat auch von Borries einen Herzsprung-Moment. "So groß habe ich mir den Platz nicht vorgestellt", sagt der 42-Jährige vor den 8000. "Film", meint der Regisseur, "ist wie ein Kind. Man arbeitet nur auf die Premiere hin, aber so kurz davor will man es nicht ziehen lassen." Durch den langen Applaus kann der nervöse Vater durchatmen: Sein Kind ist jetzt in der Welt.