Inka Parei: Die Kältezentrale

Literarisches Versteckspiel

Achtung, hier kommen Verderber - "spoilers ahead". So lautet der Warnruf von Filmfans im Internet, bevor sie Geheimnisse über die Handlung ausplaudern. So sagen auch wir: spoilers ahead!

Denn die Bachmannpreisträgerin von 2003 - sie bekam die Auszeichnung für einen Roman über einen Postboten - hat die Handlung, so überschaubar sie auch sein mag, in viele kleine Teile zerschnipselt. Die zum Verständnis nötigsten erreichen den Leser wie ein entscheidender Brief, der hinter einen Schrank gerutscht ist, erst auf den letzten Seiten. Man kann Parei für ihr literarisches Versteckspiel bewundern. Man kann darüber aber auch vor Ärger an die Decke gehen.

Die ersten, vollkommen nebulösen 40 Seiten spielen auf Krebsstationen und in den dunklen Erinnerungen eines amorphen Ich-Erzählers. Spricht hier ein Mann, eine Frau? Was will er oder sie? Jedenfalls handelt es sich um eine Art Action-Held: Bis "morgen früh um sechs" muss er "ein Ergebnis haben, sonst sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die nächsten fünf Jahre überleben wird, von achtzig auf zwanzig Prozent." Die Rede ist offenbar von Martha, die mit Schläuchen in der Nase und ohne Haare im Krankenhaus liegt. So hetzt dieses namenlose Ich durch zwei Vergangenheiten, die unmittelbare und die ferne, über zwanzig Jahre zurückliegende, wie der über und über tätowierte Held in Christopher Nolans Film "Memento".

Dessen Konstruktionsprinzip - die Spurenlese am eigenen Körper, im eigenen Kopf, auf der Suche nach einer womöglich vernichtenden Wahrheit - hat Parei sich kurzerhand ausgeborgt. Der Memento-Mann muss schließlich erkennen, dass er seine Frau auf dem Gewissen hat. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass der Ich-Erzähler der "Kältezentrale" mit dem mysteriösen Hansmann, den er eine Woche lang verfolgt und von dem sich Martha Aufschluss über die Art ihres Krebses verspricht, identisch ist. Das ist durchaus raffiniert gemacht.

Die titelgebende Kältezentrale ist der Arbeitsplatz, an dem sich der Erzähler und Martha, die später seine erste Frau wurde, kennengelernt haben. Weniger poetisch gesagt, handelt es sich um die Klimaanlage der DDR-Zeitung "Neues Deutschland". Da ist es angemessen schaurig: voller Kühlwasserbunker, Betonverliese und ätzender Chemikalien. Hier arbeiten Menschen, die höchstens einen Nachnamen haben. Ihre Arbeit besteht hauptsächlich aus dem Drangsalieren ihrer Kollegen.

Inka Parei: Die Kältezentrale. Schöffling, Frankfurt/M. 216 Seiten, 19,95 Euro.