"Tanz im August"

Zwischen HipHop und Ballett

HipHop und Ballett - zwei unterschiedlichere Körpertechniken lassen sich fast nicht denken. Bei der 23. Ausgabe des Festivals "Tanz im August" finden sie auf der Bühne des Hebbel am Ufer zusammen: Der japanische Choreograph Hiroaki Umeda zeigt an einem Abend mit "2. repulsion" ein Trio für HipHop-Tänzer und mit "3. isolation" eine Arbeit für drei Balletttänzerinnen.

Umeda selbst ist im klassischen Tanz wie im Breakdance zuhause - und sein Stil zwischen Anspannung und Entspannung manifestiert sich in den beiden Teilen eines auf zehn Jahre angelegten Rechercheprojekt in den vollkommen unterschiedlich trainierten Körpern der B-Boys und Ballerinen.

Die Grenzüberschreitung zwischen Ballett und HipHop, in Ländern wie Frankreich längst gängig, bedeutet eine kleine Revolution. In Frankreich laden die großen Opernhäuser längst HipHopper als Choreographen für ihre klassischen Ensembles ein. "Das bedeutet ein Aufbrechen von Institutionen und eine Konfrontation von Stilen", sagt Pirkko Husemann, die Tanzkuratorin des Hebbel am Ufer (HAU). Von einer "Demokratisierung" spricht Kuratorin Ulrike Becker, von einer Akzeptanz für die "Kunst von der Straße". Die ist in zwei weiteren Produktionen zu sehen: S'poart zeigen mit "In Vivo" eine Mischung aus HipHop, Artistik und zeitgenössischem Tanz. Was konventionell klingt, ist ebenfalls "eine eigene Interpretation ihres Tanzstils", wie es André Theriault von der TanzWerkstatt formuliert,. Mit ihrem Duo "Yonder Woman" positioniert sich Anne Nguyen, Weltmeisterin im Breakdance, als Frau in der Männersparte und thematisiert die Zuschauererwartungen, die auf den B-Girls lasten - Sportsgeist und Virtuosität sollen sie beweisen, wenn sie gegeneinander antreten.

Als derzeitige Motoren der Innovation im Tanz betrachten die Kuratoren Breakdance wie Ballett - zwei stark reglementierte, auf Virtuosität beruhende Techniken: "Beide brechen mit der Tradition", beschreibt es André Theriault. So etwa die kanadische Compagnie La La La Human Steps, die zum Festivalabschluss mit "New Work" wieder einmal in Berlin zu sehen ist. Romantisches Ballettvokabular zerlegt der Choreograph Édouard Lock in seine Einzelteile und kombiniert diese in furiosem Tempo neu.

Bei 22 Produktionen aus 13 Ländern ist beim größten internationalen Tanzfestival in Deutschland mehr zu sehen als Ballett und Breakdance. Die Kuratoren setzen auf Vielfalt. Formalistische Arbeiten stehen Produktionen mit politischem Anliegen gegenüber. Ein formales Experiment ist etwa "Dance" von Lucinda Childs, mit dem das Festival heute im HAU eröffnet. Minimalistisch wirkt der 1979 entstandene Tanzklassiker der "Grande Dame des Postmodern Dance" von seinem Bewegungsmaterial her. Doch gewinnen die vermeintlich einfachen Sprünge, Gänge und Drehungen zur Musik von Philip Glass durch Wiederholung und Phasenverschiebungen eine große Komplexität - die vor zwei Jahren neu einstudierte Choreographie der US-Amerikanerin ist wie ein Musikstück durchkomponiert. Auch Guilherme Botelho und seine Genfer Compagnie Alias arbeiten in "Sideways Rain" mit vermeintlich simplen, aber musikalisch hochkomplex variierten Bewegungsmustern. Die Portugiesin Tânia Carvalho baut in "Icosahedron" mit 20 Tänzern geometrische Figuren auf der Bühne, und die in Berlin ansässige Choreographin Eszter Salamon experimentiert in "Tales of the Bodiless" mit der Abwesenheit von Körpern - was ist auf der Bühne ohne Menschen darstellbar?