Kino

Bevor die Bilder laufen lernen

Ein Warhol an der Wand - und direkt daneben flimmert der Liz-Taylor-Film "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?": Die Schau "Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg", die ab heute im Filmmuseum der Deutschen Kinemathek zu sehen ist, ist zweierlei.

Zum einen eine Ausstellung zum Thema Storyboards, also Zeichnungen, die filmische Bewegungen lange vor Drehbeginn visualisieren sollen. Gleichzeitig werden die oft Comicstrips ähnelnden Handskizzen in assoziative Beziehung zu Werken anderer Kunstrichtungen gesetzt - wie zum Beispiel der zeitgenössischen Malerei.

Impulsgeber für das Ausstellungskonzept war die Kunsthalle Emden. Nach ausführlicher Themenrecherche begab sich die dortige Kuratorin zusammen mit ihren Kollegen von der Deutschen Kinemathek nach Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, wo sie eine beachtliche Anzahl an Storyboard-Leihgaben erstanden und sich vor Ort mit Experten der Branche austauschten. "Wir haben eine Auswahl an Filmsequenzen getroffen, die viele im Kopf haben", sagt Kuratorin Kristina Jaspers. Tatsächlich dürften Filmliebhaber die meisten der Kinofilme kennen, die den ausgestellten Storyboards zugrunde liegen: "Die Vögel" und "Spellbound" von Alfred Hitchcock sind dabei, ebenso der Antikriegsfilm "Apocalypse Now" von Francis Ford Coppola, Klassiker wie "Vom Winde verweht", Stanley Kubricks Breitbild-Epos "Spartacus", aber auch François Truffauts "Der Mann, der die Frauen liebte".

"Wir waren von der stilistischen Bandbreite der Kunstwerke sehr überrascht", sagt Katharina Henkel, wissenschaftliche Leiterin und Kuratorin der Kunsthalle Emden, über die den Storyboards zur Seite gestellten Gemälde: "Viele der Künstler sind eindeutig Kinder ihrer Zeit. Sie haben sich untereinander beeinflusst - über die Grenzen der verschiedenen Kunstrichtungen hinweg". Wenn das flatternde Federvieh im Öl-auf-Leindwand-Gemälde "Unheimlich schön" (2009/10) von Thomas Hartmann neben einer Sequenz von Hitchcocks "Die Vögel" (1963) hängt, sind Ähnlichkeiten nicht zu leugnen. Hitchcock legte besonderen Wert auf akribisch verfasste Storyboards. Manch eine Quelle behauptet gar, er blickte niemals durch den Sucher einer Kamera, weil er sich stets auf die Zeichnungen verlassen habe. Seine fertigen Filme unterstützen diese These hingegen kaum.

Das Neue an der Sonderausstellung sei, dass man sich dem Storyboard zum ersten Mal aus einer "Kunstmuseum-Perspektive" genähert habe, sagt Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek. Bisher habe man sich in ähnlichen Ausstellungen lediglich auf das sogenannte "Production Design", das Szenenbild, konzentriert.

Um dem Besucher vor Augen zu führen, wie sich das Storyboarding über die Jahrzehnte entwickelt hat, haben die Kuratoren Zeichnungen und visuell ähnliche Kunstwerke chronologisch gereiht. Den Startpunkt des Rundgangs markieren zwei große Flachbild-Monitore. Der linke zeigt gezeichnete Filmskizzen, der rechte ein wenig zeitversetzt, was aus den meist sehr aufwendigen Zeichnungen letztendlich geworden ist: die jeweiligen Sequenzen aus dem fertigen Film.

Die ersten Arten von Storyboards entstanden bereits in den 1920er-Jahren, als Filmschaffende begannen, zur Vorbereitung von Dreharbeiten Bewegungsabläufe zu skizzieren. Dass auch heute noch viele Filmemacher auf das händische Zeichnen schwören, führen Exponate im "Werkstattraum" am Ende der Ausstellung vor Augen: Ein besonders schönes zeigt eine Sequenz aus "Die Blechtrommel". Regisseur Schlöndorff kritzelte sie auf einen Papierblock mit dem Emblem des Berliner Hotels Schweizerhof.

Filmhaus am Potsdamer Platz , Potsdamer Straße 2, Tiergarten. Bis 27.11., Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.