Bühne

"Einfach ein magisches Wunderwerk"

Die "Seefestspiele" wurden schon vor der Eröffnung zu einem wagemutigen Reiseunternehmen: Von Hermannswerder zunächst verlegt auf den Wannsee, finden sie nun heute Abend auf der Liegewiese am Strandbad statt.

Dann liegt die Eröffnung mit Mozarts "Zauberflöte" allein in den Händen einer jungen Dirigentin. Volker Blech sprach mit Judith Kubitz.

Berliner Morgenpost: Im Vorfeld gab es viele Turbulenzen. Hatten Sie irgendwann einmal den Gedanken hinzuschmeißen?

Judith Kubitz: Nein, wir Musiker haben natürlich versucht, uns von den äußeren Umständen nicht beeinflussen zu lassen. Im Vertrauen auf die Fähigkeiten des Organisationsteams konnten wir einfach die Türe schließen und uns ganz auf Mozart konzentrieren. In unseren Proben herrschte die Freude am Arbeiten und eine Zuversicht, die positiv auf alle rückstrahlte. Die "Zauberflöte" ist einfach auch ein magisches Wunderwerk.

Berliner Morgenpost: Als Dirigentin sind Sie für die Musik, Katharina Thalbach für die Regie verantwortlich. Konnten Sie zusammen finden?

Judith Kubitz: Wenn es Fallstricke gab, haben wir es beide erkannt. Wir haben uns von der ersten Probe an verstanden. Sie ist eine wunderbare Regisseurin, die zuerst auf die Musik hört, sich von ihr leiten lässt. Sie inszeniert mit den Ohren. Es gab in den Proben keine Sekunde der Trennung von Musik und Szene.

Berliner Morgenpost: Was können Sie in dieser Open-Air-Inszenierung nicht machen?

Judith Kubitz: Das Orchester sitzt nicht vor der Bühne, sondern seitlich. Mit einem scharfen Schulterblick kann ich lediglich einen kleinen Ausschnitt der Szene sehen. Die Sänger sind nicht zu sehen. Ich dirigiere sie sozusagen im Blindflug. Im Opernhaus kommunizieren wir viel mehr per Blickkontakt. Das funktioniert hier nicht.

Berliner Morgenpost: Warum lassen Sie sich als Dirigentin auf dieses Wagnis ein?

Judith Kubitz: Vor allem, weil es mir Spaß macht. Die üblichen Hürden bei Open-Air-Aufführungen kenne ich bereits von den Schweriner Festspielen und anderen Freiluftkonzerten. Beispielsweise muss das Orchester im Trockenen spielen. In der Arena di Verona fällt ein Regentröpfchen und schon sind die Musiker weg. Das müssen sie auch, weil die Instrumente gefährdet sind. In Deutschland, wo es häufiger regnet, geht man dieses Risiko erst gar nicht ein. Außerdem ist es doch schön, wenn das Publikum das Bühnengeschehen ungehindert verfolgen kann und dennoch einen Live-Klang geboten bekommt.

Berliner Morgenpost: Es klingt nach Kompromissen?

Judith Kubitz: Openair ist immer ein Kompromiss. Es ist zum Beispiel in Bezug auf die Klangbalance und die Nuancen der sängerischen Freiheit schwieriger. Hauptsächlich dirigiere ich bei solchen Open-Air-Aufführungen nach Gehör, da ich die Bühne nicht sehe. Diese Inszenierung der "Zauberflöte" ist in vielen Tempoübergängen, Pausen- und Fermatenlängen viel definierter als im Opernhaus, wo ich durch den direkten Kontakt zur Bühne jeweils freier Einfluss nehmen kann.

Berliner Morgenpost: Wie viel Open-air-Erfahrungen haben Sie?

Judith Kubitz: Wahrscheinlich mehr als für Dirigenten üblich. In meinen vier Spielzeiten am Staatstheater Schwerin habe ich alles gemacht, von "Carmen" über "Macht des Schicksals" und "Zauberflöte" bis zum "Freischütz". Und bereits in meinen Cottbusser Zeiten dirigierte ich die "Spreewälder Sagennacht".

Berliner Morgenpost: Stargeiger David Garrett haben Sie auf einer Tour am Pult begleitet?

Judith Kubitz: Da saß das Orchester aber mit auf der Bühne. David Garretts Energie ist einfach überwältigend, gerade auch bei den Proben. Er ist ein Arbeitstier, kennt keine Pausen, weder für sich noch für seine Musiker. Die müssen sich dann selber organisieren mit kleinen Rauchpausen zwischendurch. David arbeitet einfach durch, und er weiß ganz genau, was er will. Er ist ein hervorragender Botschafter in seinem Musizierstil. Er schafft es, die Leute mit den Bearbeitungen seiner Lieblingsstücke - das reicht ja von Bruchs Violinkonzert bis hin zur Rockmusiktiteln - zu begeistern. Er bekommt das Publikum über die Person David Garrett: Hallo, hier bin ich, ich liebe diese Musik und will euch damit anstecken. Bei einem Konzert hatten wirStanding Ovations: nach dem Bruch-Konzert! Wann hat man das schon mal?

Berliner Morgenpost: Ist Crossover der richtige Weg, klassische Musik an ein großes Publikum zu bringen?

Judith Kubitz: Es ist ein Weg, ja. Ich mache Crossover gern. Man gewinnt wirklich ein neues Publikum damit.

Berliner Morgenpost: Wohin fühlen Sie sich gezogen?

Judith Kubitz: Mein Herz schlägt am meisten für die Oper, für das Musiktheater. Aber beim Crossover mit mehreren Tausend oder Zehntausend Zuhörern erlebt man etwas ganz anderes: Die Energie, die von der Bühne vermittelt wird, kommt in ungeheurer Weise wieder zur Bühne zurück. Ein tolles Gefühl! Und überhaupt: Wenn wir klassische Musik vermitteln wollen, müssen wir auch auf die Leute zugehen.

Berliner Morgenpost: Empfinden Sie es als unangenehm, wenn die Leute überrascht sind, dass eine Frau am Pult steht?

Judith Kubitz: Nein, Dirigentinnen sind immer noch nicht alltäglich. Vor dreißig Jahren war es noch eine Sensation, vor hundert Jahren ein Spießrutenlauf. Aber es war doch in allen Bereichen so, mit der ersten Rechtsanwältin oder der ersten Kamerafrau.

Berliner Morgenpost: Was machen Frauen am Pult anders?

Judith Kubitz: Das müssen Sie die Musiker fragen. Ich mache nur das, was in mir steckt.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie gemerkt, dass eine Dirigentin in Ihnen steckt?

Judith Kubitz: Ziemlich spät. Ich war schon lange an der Weimarer Musikhochschule, ich hatte noch zu DDR-Zeiten Chor und Ensembleleitung studiert. Irgendwann fragte mich eine Kollegin, eine Chordirektorin: Willst du das wirklich machen? Sie fand es ziemlich abwegig. Für mein Diplom-Konzert habe ich dann ein chorsinfonisches Werk gewählt. In dem Moment, vor dem Orchester, war alles klar.

Berliner Morgenpost: Welchen Dirigenten gehört die Zukunft: den Pultherrschern oder den Teamplayern?

Judith Kubitz: Team, das Wort kommt dem am nächsten. Es geht um ein Ziel und jeder, Musiker wie Dirigent, bringt sich mit ein.

Berliner Morgenpost: Dann haben Dirigenten bald keine Macht?

Judith Kubitz: Eine gewisse Macht muss sein. Bei 66, 120 oder noch mehr Musikern muss einer sein, der die verschiedenen Meinungen bündelt und entscheidet. Musiker erwarten das auch. Aber Macht kann nicht heißen, dass der Dirigent immer Recht hat. Pultdespoten gehören ins vergangene Jahrhundert.

Berliner Morgenpost: Was ist das größte Risiko heute Abend?

Judith Kubitz: Nur das Wetter, mit allen musikalischen Widrigkeiten kommen wir alleine klar.